Stand: 29.03.2016 16:37 Uhr

ARD-Trilogie zum NSU: Die Perspektive der Täter

von Katrin Kahlke
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Regisseur Christian Schwochow recherchierte als Fernsehreporter in der Neonazi-Szene in Jena.

Beate Zschäpe. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt - das sind Kinder seiner Generation, sagt Regisseur Christian Schwochow. Der 37-Jährige ist in Bergen auf Rügen geboren und wuchs nach der Wende in Hannover auf. Christian Schwochow führte in Filmen wie "Bornholmer Straße" oder "Novemberkind" Regie. Der Fernsehzweiteiler "Der Turm" brachte ihm 2013 den Grimme-Preis.

Vor einigen Jahren hat Schwochow als Fernsehreporter in der Neonazi-Szene in Jena recherchiert und gedreht und jetzt beim ersten Teil der ARD-Trilogie "Mitten in Deutschland" beim Film über die Täter Regie geführt.

Schwochow: Herausfinden, was vor den Morden passierte

Als Produzentin Gabriela Sperl ihm erzählte, dass drei Filme mit drei Regisseuren für die Trilogie über den NSU geplant seien, war für Schwochow sofort klar, dass er die Regie für den Film über die drei Täter übernehmen würde: "Wenn man sich diesem Komplex nähert, dann muss man herausfinden, was eigentlich vor den Morden passierte. Das war für mich ganz wichtig zu ergründen", sagt er. "Wie haben diese drei jungen Leute aus Jena die Wendezeit erlebt, was für Familien sind das, was für eine gesellschaftliche Stimmung war das? Ich selbst bin nicht viel jünger als die drei. Mir ist diese Zeit sehr vertraut, auch wenn ich sie aus der Ferne, aus Westdeutschland beobachtet habe. Ich habe viele Beobachtungen gemacht, wo sich Leute hinradikalisiert haben. Mich hat diese Zeit immer schon sehr fasziniert und ich glaubte sehr schnell, dass ich einen Beitrag leisten kann, eine etwas ambivalentere Betrachtung über den Rechtsradikalismus leisten zu können."

Gespräche mit Freunden und Wegbegleitern Zschäpes

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Mitten in Deutschland: NSU

Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) ist auch vier Jahre nach dem Tod von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach wie vor ein Thema. In diesem Fernsehdreiteiler wird der NSU detailliert beleuchtet. extern

Dabei hatte Schwochow große Ansprüche an sich als Regisseur: "Wir haben sehr viel recherchiert für den Film. Wir haben unheimlich viele Akten gelesen, mit sehr vielen Journalisten gesprochen. Ich selbst habe den Prozess sehr häufig besucht - und dann irgendwann haben wir angefangen, Leute aus der Szene zu finden. Wir haben Aussteiger getroffen, wir haben Freunde und ehemalige Wegbegleiter von Beate Zschäpe gefunden, die uns unheimlich viele Puzzlestücke geliefert haben. Dennoch: Auch Erinnerungen verändern sich, das heißt, wir mussten in die Interpretation gehen und wollten es auch." Schwochow habe kein Biopic über Beate Zschäpe machen wollen. Er wolle etwas über Deutschland erzählen - und über einen Lebenslauf erzählen, der ein Stück weit auch exemplarisch ist für viele andere ist. "Insofern es ist eine fiktive Geschichte, die auf sehr, sehr vielen Fakten beruht und sehr viel Wahrhaftigkeit in sich trägt. Das zumindest ist mein Anspruch", sagt er.

Ein Film, der in die Seelen der Täter blickt

Sendetermine

Mittwoch, 30.3.2016, 20.15 Uhr: "Die Täter - Heute ist nicht alle Tage"

Montag, 4.4.2016, 20.15 Uhr: "Die Opfer - Vergesst mich nicht"

Mittwoch, 6.4.2016, 20.15 Uhr: "Die Ermittler - Nur für den Dienstgebrauch"

und die Dokumentation "Der NSU-Komplex - Die Jagd auf die Terroristen"
Mittwoch, 6.4.2016, 21.45 Uhr

Die Vorbereitungen der Dreharbeiten waren sehr umfangreich, wie Schwochow erklärt. Besonders die Suche nach Zeitzeugen gestaltete sich schwierig. "Das ist tatsächlich sehr, sehr kompliziert gewesen", erinnert er sich. "Es gibt in den Prozessakten natürlich sehr, sehr viele Namen und ich hatte zum Teil Zugang zu Prozessakten. Ich habe mir Namen von Zeugen aufgeschrieben, habe versucht, sie anzurufen." Doch das habe sehr lange nicht funktioniert. Der Schlüssel sei gewesen, nach Jena zu gehen in das Umfeld von Zschäpe. "Relativ schnell konnten wir rausfinden, wo Beate Zschäpe zur Schule gegangen ist. Wo hat sie gearbeitet? Ich habe mit jemandem gesprochen, der ihr Ausbilder war, ich habe mit jemandem aus dem Jugendclub gesprochen - und dadurch kam dann eins zum anderen", sagt er. "Dann hat jemand jemanden angerufen und hat gesagt, hier ist jemand, der es ernst meint, der erst einmal ohne Ideologie ist und einfach neugierig ist. Aber es war schwer."

Hinter die Schlagzeilen blicken

Am Ende entstand ein Film, der hinter die grellen Schlagzeilen in die Seelen der drei jungen Menschen blickt und Schwochow findet: Die Geschichte ist mit Blick auf die gesellschaftliche Gegenwart und das neue Erstarken rechtsextremistischer Strömungen in Deutschland beklemmend aktuell.

Sein Film "Die Täter. Heute ist nicht alle Tage" ist am 30. März um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen. Von den Opfern, insbesondere dem ersten Opfer der NSU-Mordserie Enver Şimşek, erzählt dann der zweite Spielfilm der Trilogie. "Mitten in Deutschland: Vergesst mich nicht" heißt er, am 4. April um 20.15 Uhr - ebenfalls zu sehen im Ersten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kunstkaten | 30.03.2016 | 19:00 Uhr