Stand: 05.01.2017 11:10 Uhr

Kritik am Konzerthaus: "Es bleibt unverschämt"

von Thomas Jähn

Für die Elbphilharmonie gibt es viele Umschreibungen: Das neue Wahrzeichen von Hamburg soll sie sein, ein "Klangwunder". Doch neben all den Superlativen gab es lange genug Zeiten, in denen man nur mit einer wegwerfenden Handbewegung von der Elbphilharmonie sprach. Das Kostenmonster war sie, die Bauruine - kurz: eine Unverschämtheit. Was aber sagen die Kritiker heute, kurz vor der Eröffnung, zu dem Konzerthaus?

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Schorsch Kamerun ist Sänger der Band "Die Goldenen Zitronen". Die Elbphilharmonie fand er zu Beginn nur fürchterlich.

Der Wind weht kräftig auf der Elbphilharmonie, im Außenbereich der Plaza, in 37 Metern Höhe. Schorsch Kamerun, Sänger der Hamburger Band "Die Goldenen Zitronen", wollte sich das auch mal angucken.

Sein erster Eindruck: "Schöner Himmel". Kamerun ist Elbphilharmonie-Kritiker der ersten Stunde - und auch jetzt ist sein Blick kritisch: "Die Plaza ist zum Teil doch recht schmal geraten", sagt er. "Vielleicht sind wir auch nur auf dem kleinen Verbindungsweg zum großen Ganzen. Aber der Ausblick ist schön."

Kamerun: "Ich fand sie nur fürchterlich"

Auch wenn der Blick an diesem nebligen Nachmittag nicht allzu weit reicht - man kann sie sehen, die andere Elbphilharmonie. Die selbsternannte "Elbphilharmonie der Herzen" - den Pudel Club, ein Szenetreff am Hamburger Hafen, der im Februar vergangenen Jahres abbrannte. Kamerun hat die  alternative Musikkneipe an der Hafenkante mitbegründet. 2010 war der Pudel ein Protest-Symbol gegen das Kostenmonster Elbphilharmonie. "Ich habe sie am Anfang nur fürchterlich gefunden", sagt Kamerun. "Die ganze Programmatik daran, wie das losgegangen ist, wie arrogant das präsentiert wurde und der ganze Weg dahin, war ja dann auch dementsprechend: Dass das nur teurer wurde und dass dann Verantwortliche überhaupt nicht mehr da sind, das allein war schon ein fataler Weg."

Kameruns Hoffnung: Experimente wagen

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Jetzt ist das Ende dieses Weges erreicht: Der Bau ist fertig, das Konzerthaus steht kurz vor der Eröffnung. Sechs Jahre später als erwartet, zehn Mal teurer als geplant. Und doch scheint so manch laute Stimme des Protests in der allgemeinen Jubellaune unterzugehen. "Da es das Haus jetzt aber gibt, habe ich keine Lust mehr, in dem Fall nur negativ zurückzublicken", räumt Kamerun ein. "Man kann ja immer weiter sagen, das Ganze ist eine Unverschämtheit von Anfang bis jetzt. Aber ich glaube, diese Unverschämtheit muss trotzdem genutzt werden. Deswegen stehe ich dem auch irgendwie offen gegenüber - was immer das dann bedeutet."

Kamerun hofft, dass auch das Haus sich öffnet. Experimente wagt, Genregrenzen überwindet, Sub- und Hochkultur vermischt und lokale und internationale Künstler zusammenbringt: "Ich hoffe, dass man nicht nur Edelmarken präsentiert. Ich glaube, dass wichtig ist, dass man sich öffnet und dass man ein Programm probiert, was eben tatsächlich auch mit Ausprobieren zu tun hat. Wir werden sehen."

Hackbusch: "Sind an der Nase herumgeführt worden"

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Norbert Hackbusch saß für die Partei Die Linke drei Jahre lang im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Elbphilharmonie.

An das viel beworbene Haus für alle glaubt Norbert Hackbusch nicht. Der Haushaltsexperte der Linken im Hamburger Rathaus begleitet die Elbphilharmonie seit Anfang an. Für ihn ist das ganze "etwas größenwahnsinnig".

Hackbusch war schon oft auf der Plaza. Dienstlich und privat. Natürlich ist auch er angetan. Trotzdem: Der Ärger über das Bauversagen bleibt. "Man muss sich noch mal in Erinnerung bringen: Die Elbphilharmonie sollte dadurch ganz günstig werden, dass die Eigentumswohnungen, die vorne sind, und das Hotel, das hinten ist, die Elbphilharmonie mit finanzieren sollten. Das hat in der Realität nicht stattgefunden", kritisiert er.

Hackbusch saß im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Drei Jahre lang wurden dort Akten gewälzt, um zu verstehen, warum die Elbphilharmonie so viel teurer wurde. Hackbuschs Fazit: "Die Unverschämtheit ist natürlich immer noch das, was ich am ehesten denke. Ich sehe durchaus bestimmte Veränderungen, aber ich finde schon, dass wir in Hamburg kräftig an der Nase herumgeführt worden sind vom Senat und von Hochtief. Und das werde ich so schnell nicht vergessen."

Auf Hackbuschs Schreibtisch liegen dennoch Karten für die Eröffnung am 11. Januar. "Ich freue mich auch darauf", sagt er. "Ich werde mich ja jetzt nicht dahin stellen und sagen: Ich boykottiere das, weil ich dagegen war."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 05.01.2017 | 19:00 Uhr

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