Stand: 14.05.2017 10:50 Uhr

Minimal Music vielschichtig ausgeleuchtet

von Mischa Kreiskott
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Die Colin Currie Group spielte "Music for 18 Musician" von Steve Reich.

Sind erst zehn Minuten vergangen oder schon 30? Was flirrt hier gerade durch den Raum? Gesang oder Violinen? Unsere Sinne werden permanent getäuscht in "18 Musicians", dem Stück, das Steve Reich Mitte der 70er-Jahre für sein Ensemble "Steve Reich and Musicians" schrieb. Am Freitag, dem zweiten Tag des Festivals "Maximal minimal" in der Elbphilharmonie, wurde das Stück vom Ensemble des englischen Schlagzeugers Colin Currie aufgeführt.

Wendepunkt im Schaffen von Steve Reich

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Steve Reich gilt als einer der Väter der Minimal Music.

Exakt, strahlend und fein ausbalanciert. So farbig und harmonisch wie "18 Musicians" klingt, bildet es einen Wendepunkt im Schaffen von Steve Reich. Er gilt mit Terry Riley, Philip Glass und La Monte Young als einer der Väter der sogenannten Minimal Music. Und hatte bis in die frühen 70er-Jahre auf das nötigste reduzierte Werke geschrieben. "It's gonna rain" zum Beispiel, das sich aus nur drei Sprechsilben eines Straßenpredigers zusammensetzt, oder "Clapping Music", in dem zwei Schlagzeuger einen Rhythmus klatschen, der sich langsam gegeneinander verschiebt.

Kauziger Weltstar mit Basecap

Auch in Hamburg steht "Clapping Music" auf dem Programm, "geklatscht" von Colin Currie und Steve Reich selbst. Er bereichert das Festival persönlich als kauziger Weltstar mit schwarzer Baseballkappe. "Die Elbphilharmonie klinge schon recht bemerkenswert, sagte er im Gespräch mit NDR Kultur, für seine Musik müsse allerdings noch etwas nachgearbeitet werden. Tatsächlich könnte man "Music for 18 Musicians" gut in einem schalltoten Raum aufführen. Doch auch im Raumklang der Elbphilharmonie entfaltet sich die Magie der tausend akustischen Täuschungen. Offensichtlich haben an diesem Abend die Richtigen das Glück gehabt Karten zu bekommen. Nur wenige Besucher gehen. Am Ende jubeln junge Technofans und 68er-Reich-Freunde gemeinsam dem Minimal-Pioneer und den 18 Musikern zu.

Rückwärts durch die Musikgeschichte

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Westafrikanische Rhythmen gab es von der Agoo Group.

"Maximal Minimal" leistete, was ein gut kuratiertes Festival leisten soll. Der Begriff Minimal Music wurde vielschichtig ausgeleuchtet: Steve Reichs Begeisterung für intellektuellen Rock konnte man mit "2x5" für zwei Rockbands am Festival-Donnerstag nachvollziehen. Oder die Wurzeln der Minimal Sounds in den Rhythmen Westafrikas erleben, am Sonnabend mit der Agoo Group. Steve Reich selbst studierte in den 70ern einige Wochen bei dem ghanaischen Trommelmeister Gideon Alorwoyie. Dabei ging "Maximal minimal" rückwärts durch die Musikgeschichte und brachte am letzten Abend auch "In C" auf die Bühne. Das Stück gilt als erstes Minimal-Music-Werk der Musikgeschichte. Eine Stunde umspielt eine beliebige Zahl von Musikern nur einen Ton. Terry Riley hat es 1964 geschrieben und in San Francisco aufgeführt. Am Klavier saß: Steve Reich.

Freundliche Übernahme eines Weltklasse-Konzerthauses

In der Elbphilharmonie wird "In C" zum basisdemokratischen Musik-Happening. Mehr als 400 Laienmusiker aus Hamburg besetzen nicht nur die Bühne, sondern gleich die ganze untere Ebene des Großen Saals. Da treffen Blockflötenspielkreise auf Schul-Big-Bands, Hobbygitarristen und hunderte Streicher. Ein Spektakel? Ja, bestimmt. Aber auch ein gewaltiger Versuchsaufbau, der die Ideen der Minimal Music deutlich macht. Wie unser Gehör auch einen einzelnen Ton immer wieder neu erleben kann. Wie die Klangquelle unten mit den Reflektionen der Raumakustik zu einer gewaltigen beweglichen Skulptur aus tanzenden Luftmolekülen wird. Wie unsere Augen die Ohren beeinflussen und man die Sänger erst hören kann, wenn man sie auch erspäht hat.

Wer Freude an solchen Hörexperimenten hat, dem wird "In C" keine Sekunde langweilig. Alle, denen das zu abstrakt scheint, haben trotzdem Freude an dieser freundlichen Übernahme des gehypten Weltklasse-Konzerthauses. In diesem Saal kann auch ein bunt zusammengewürfeltes Liebhaberorchester aus einem Ton ein großes Klangereignis schaffen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 14.05.2017 | 14:20 Uhr

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