Stand: 20.04.2017 15:56 Uhr

"Eine Dame will nicht angeschrien werden"

100 Tage Elbphilharmonie - dann zieht man gerne eine Bilanz. Die Erwartungen waren groß. In etwa so groß wie der Streit um die Baugeschichte und die Kosten. Vom "Traumschloss" und vom "Jahrhundertbauwerk" war die Rede. 250.000 Menschen haben bis jetzt dort Konzerte erlebt. 1,5 Millionen haben die Plaza besucht. Daniel Kaiser hat seit der Eröffnung am 11. Januar viele Konzerte in der Elbphilharmonie für uns gesehen. War es das alles wert?

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Elbphilharmonie-Experte: NDR 90,3 Autor und Moderator Daniel Kaiser

Unbedingt. Die Elbphilharmonie hat die Stadt verändert. Konzerte und Kultur haben - ich finde, das spürt man - einen anderen Stellenwert bekommen. Und es gab wirklich viele musikalische Glücksmomente mit tollen Künstlern. Yo-Yo Ma, Cecilia Bartoli, die Wiener und New Yorker Philharmoniker. Wie sie da glitzert und leuchtet und klingt, da schwärmt sogar die New York Times. Die Elbphilharmonie hat sich von innen und außen zu einem echten Wahrzeichen hochgespielt. Und es ist toll zu sehen, dass die Menschen jetzt nicht mehr über Sinn und Zweck eines Konzerthauses streiten, sondern über Klassik und Akustik.

Viel wurde über die Akustik diskutiert. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Ich finde sie wunderbar, gerade für Orchester: ganz klar und transparent mit einem kurzen Nachhall. Die New Yorker Philharmoniker haben mit dem Saal und der Akustik geflirtet. "Die Schöpfung" mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester war ein richtiges Hör-Glück. Bei Sängern ist das so eine Sache. Die müssen schon in meine Richtung singen für den vollen Genuss. Bei einem Chorkonzert mit 120 Leuten klirrte mir das Ohr. Da wusste man nicht: ist das noch Ton oder schon Tinnitus? Die Elbphilharmonie will nicht angeschrien werden. Bei verstärkten Konzerten mit Mikro gerät der Saal an seine Grenzen. Bei dem Theaterstück mit John Malkovich "Just Call Me God" beispielsweise war das suboptimal, fand ich. Man kann da nicht alles machen. Die Elphi ist kein Gemischtwarenladen. Aber ich habe gerade neulich ganz oben unterm Dach gesessen. Es waren die billigsten Plätze - aber ein toller Klang. Aber auch an diese Karten muss man erst mal herankommen.

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Warum gibt es die Probleme beim Kartenverkauf?

Weil so viele Menschen ins Konzert möchten. Der Ansturm ist gewaltig. Menschen sitzen am Computer beim Vorverkaufsstart und das Programm sagt ihnen: "Da sind noch 20.000 Menschen vor Ihnen in der Schlange." Da helfen dann auch keine Supercomputer die nicht mehr abstürzen - es gibt einfach nicht mehr Karten. Der Vorverkauf an der Theaterkasse  soll bevorzugt werden. Aber mit dem Mangel muss man sich noch ein bisschen auseinandersetzen. Das bleibt so - oder wir bauen noch eine zweite Elbphilharmonie in den Hafen.

Wie klappt denn das Rundherum?

Da gab es noch Kinderkrankheiten: Überfüllte Garderoben - man rennt mit seinem Mantel hin und her. Die Bars in der Pause sind wahnsinnig langsam. Man hat den Sekt in der Hand - da ertönt schon der Pausengong. Vor allem die Frauen klagen über zu wenige Toiletten. Die Elbphilharmonie sagt: "sind genug da". Man muss sie eben nur finden. Draußen gibt es viel zu wenige Taxis. Aber ein echter Fehler sind die Stufen. Das sind Stolperfallen. Im Saal und auch im Foyer. Man erkennt die nicht beim Runtergehen. Der Rettungswagen musste immer wieder heranrauschen. Es gab in den ersten 100 Tagen viele Stürze und acht schwere Knochenbrüche. Das ist viel zu viel. Es dauert viel zu lange, bis da jetzt schwarze Streifen auf die Stufen geklebt werden, um das ganze sicherer zu machen. Bloß nicht die wertvolle Architektur stören. Das ist wirklich ein echtes Ärgernis.

Ein echter Streit ist darüber entstanden, wie man sich in der Elbphilharmonie richtig verhält. Wie groß ist das Problem?

Eine Lichtshow am 11. Januar 2017 beleuchtet die Elbphilharmonie in Hamburg zu deren feierlicher Eröffnung. © NDR Fotograf: Ralph Larmann

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Es kommen viele Menschen in die Elbphilharmonie, die noch nie in einem Klassik-Konzert waren. Da wird mal an den falschen Stellen geklatscht - zwischen den Sätzen einer Sinfonie. Eigentlich ja ein gutes Zeichen: Da sind neue Leute und denen gefällt's. Am Karfreitag wurde wie im katholischen Gottesdienst eine Messe gesungen, und da wurde nach jedem Kyrie, Gloria und Credo geklatscht. Mitten im Stück. Die Menschen klatschen da, weil sie denken sie müssten klatschen. Da ist dann ein Problem. Konventionen sind ja auch etwas Gutes, weil sie ermöglichen, dass so viele Menschen auf einmal dasselbe erleben können. Dass man nicht die ganze Zeit redet - nicht isst oder trinkt.

Ich habe erlebt, wie Menschen sich gefreut haben, wenn der Dirigent am Anfang das Mikro in die Hand nimmt und ein paar Sätze  sagt. "Wir spielen das und das – und so und so haben wir uns das gedacht!" Ich glaube, die Künstler und die Elphi haben eine Bringschuld. Es reicht nicht eine Elbphilharmonie hinzustellen und ein Orchester spielen zu lassen.  Man muss das Publikum noch mehr mitnehmen, noch mehr erklären und noch mehr begeistern. Damit das wirklich ein lebendiges Haus für alle wird.

Das Gespräch führte Philipp Cavert.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 20.04.2017 | 16:20 Uhr

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