Stand: 12.01.2017 11:49 Uhr

Hengelbrock erklärt das Eröffnungsprogramm

von Thomas Hengelbrock, Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters

"Zum Raum wird hier die Zeit" lautet das Motto der Eröffnungskonzerte in der Elbphilharmonie. Im Programmheft zu den Konzerten erklärt der Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters, Thomas Hengelbrock, die Auswahl der musikalischen Werke für diese Abende.

Bild vergrößern
Thomas Hengelbrock, Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters, hat die Musik für die Eröffnungskonzerte in der Elbphilharmonie zusammengestellt.

Musik gab es zu allen Zeiten und in vielen Räumen: in Kirchen, Opernhäusern, Palästen, Wohnzimmern, Hütten und Nomadenzelten, auf Versammlungsstätten, Friedhöfen, Waldlichtungen und Rummelplätzen, in Parteitagsfestsälen, Konzentrationslagern, Standesämtern, Fußballstadien und Kaufhäusern. Doch erst als die Musik anfing, sich von allen Bezugssystemen außerhalb ihrer selbst zu lösen, als man ihr ästhetisch zugestand, auch ganz gebrauchs- und zweckfrei nur noch Musik sein zu dürfen, wurden Häuser und Säle für sie allein gebaut.

Mit dem Großen Saal der Elbphilharmonie eröffnen wir nun einen Raum, der ausschließlich für Musik gebaut worden ist, und das mit einer bisher fast beispiellosen Konsequenz. Unser Programm ist eine Hommage an diesen wunderbaren Raum und zugleich seine behutsame Erkundung: Älteste und neueste Musik bezeugen in ihrer klingenden Gegenwart reiche Geschichte und Aktualität, vom zartesten Einzelton bis zum lautesten Zusammenklang aller Instrumente und Stimmen loten wir die vielfältigen akustischen Möglichkeiten des Saales aus, vom Podium aus spielen und singen wir in die Ränge, von ihren höchsten Plätzen aus musizieren wir zurück.

"Pan" von Benjamin Britten

Ganz zu Beginn erinnern wir uns mit Benjamin Brittens "Pan" für Solo-Oboe daran, dass alle zivilisatorischen Leistungen - auch die Musik - der Natur abgerungen werden müssen. Aus Schilfrohr fertigt der antike Waldgott Pan seine Flöte, die unter seinen Fingern zur Geliebten Syrinx wird und seine Empfindungen und Gefühle widertönt. Mit dem ersten Ton der Musik beginnt die Metamorphose, die Verwandlung des Instruments in greifbare Gegenwart der Geliebten und kraft der Klänge durchlebte Erinnerung zugleich: Die Zeit gerinnt, wird zum Raum.

"Mystère de l'instant" von Henri Dutilleux

Und ist es nicht das "Mysterium des Augenblicks" (Mystère de l’instant), dass in ihm Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenfallen? In den 1980er-Jahren hat der Grandseigneur der französischen Moderne, Henri Dutilleux, versucht, die Magie solch flüchtiger Momente in Zeit und Raum musikalisch einzufangen. Die Raumwirkung beruht dabei nicht etwa auf der räumlichen Trennung der Instrumente, sondern auf der Aufspaltung in verschiedene Farben und extreme Lagen der Streicher.

Und auch Dutilleux verbirgt keinesfalls seine Inspiration durch die Natur: "Eine Reihe von Vogelrufen erregte meine Aufmerksamkeit, und jeder hatte einen ganz eigenen Gesang - es waren ungefähr hundert, und sie kamen immer näher. Jeder hatte sein eigenes Timbre und auch einen Rhythmus, der ganz desorganisiert war. Das war gerade das Fesselnde, und diese Unordnung reizte mich ..." Entsprechend gestaltete Dutilleux seine klingende Folge "musikalischer Schnappschüsse ganz außerhalb ausgetretener Pfade".

"Dalle piú alte sfere" von Emilio de Cavalieri oder Antonio Archilei

Vollends durch die Gesetze der Musik gebändigt erscheint die Natur dagegen in der Arie "Aus den höchsten Sphären" (Dalle più alte sfere). Sie vergegenwärtigt uns einen Grundgedanken der antiken griechischen Philosophen: dass sich aus den Umlaufbahnen der Planeten und ihrer Verhältnisse zueinander die Logik musikalischer Intervalle ableiten und erklären lässt und dass umgekehrt die Musik die Ordnung der Natur widerspiegelt.

Die Arie wird Emilio de’ Cavalieri oder Antonio Archilei zugeschrieben und erklang erstmals im Jahr 1589 zur Hochzeit von Christine de Lorraine und Ferdinando de Medici in Florenz, eingebunden in ein geradezu überirdisches musiktheatralisches Spektakel. Hier weitet sich der Raum bis ins Universum: Der Sänger wird zur Verkörperung der "Harmonie der Sphären" und trägt, wie es im Text heißt, "uns Sterblichen die hohe Flamme" zu, Symbol für Liebe und (göttliche) kosmische Ordnung.

"Photoptosis" von Bernd Alois Zimmermann

Dass eine Flamme daneben auch als Lichtquelle große musikalische Energie freisetzen kann, bezeugt "Photoptosis" (Lichteinfall) von Bernd Alois Zimmermann aus dem Jahr 1968. Vielfältig inspiriert durch Yves Kleins monochrome Wandflächengemälde, breiten sich die Klänge des riesig besetzten Orchesters in faszinierenden Wellen aus - gleichsam fahl beleuchtet zu Beginn und wie blendend überstrahlt am Schluss. In der Mitte des Werkes lässt Zimmermann Zitate aufscheinen, unter anderem aus Beethovens Neunter Sinfonie und Wagners "Parsifal", verschränkt also verschiedene zeitliche Ebenen miteinander.

Zimmermanns Deutung von der "Kugelgestalt der Zeit" findet hier seinen vollendeten Ausdruck: Das Nacheinander geschichtlicher Zeit wird in stets gegenwärtige akustische Simultanität gebracht. Wie schrieb schon Augustinus in seinen Confessiones aus dem 5. Jahrhundert? "Es gibt drei Zeiten, die Gegenwart vom Vergangenen, die Gegenwart vom Gegenwärtigen und die Gegenwart vom Zukünftigen. Denn diese drei sind in der Seele, und anderswo sehe ich sie nicht."

"Parsifal" von Richard Wagner

Mit gutem Grund zitiert Zimmermann aus Richard Wagners Opus ultimum, dem Bühnenweihfestspiel "Parsifal". "Ich schreite kaum, doch wähn' ich mich schon weit", fasst der Titelheld dort auf dem Weg zur Gralsburg genau eine solche Zeiterfahrung in Worte: In einem einzigen Augenblick offenbaren sich ihm Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. "Du siehst mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit", antwortet der Gralsritter Gurnemanz. Und Wagner beschwört einen archaischen Mystizismus in einer Musik, die sich jeder sprachlichen Vergegenwärtigung - selbst durch seinen Schöpfer - entzieht.

Die einzelnen Themen und Motive des Vorspiels ziehen vorbei, ineinander verwoben wie flüchtige Traumbilder, die jedem gewöhnlichen Zeit- und Raumempfinden entrückt scheinen. Doch kein Traum ohne Leben und kein Leben ohne Traum. Vielleicht trifft William Shakespeares altersweiser Prospero aus Der Sturm diese Verbindung im Kern: "Wir sind aus jenem Stoff, aus dem die Träume sind, und unser kurzes Leben ist eingebettet in einen langen Schlaf."

"Quam pulchra es" von Jacob Praetorius

Vor dem Tod aber kommt die Liebe und der Tanz des Lebens! Sei es die Motette Quam pulchra es, die der Hamburger Komponist und Organist Jacob Praetorius vor mehr als 400 Jahren für ein Brautpaar dieser Stadt auf einen Text aus dem Hohelied Salomons komponierte. Oder sei es "Amarilli mia bella", jenes Madrigal von Giulio Caccini, der etwa um dieselbe Zeit mit dem neuen Konzept des instrumental begleiteten Sologesangs erst die Voraussetzung für den Erfolg der italienischen Oper schuf.

"Furioso" von Rolf Liebermann

Weitere Informationen
mit Audio

Eine Leidenschaft: Rolf Liebermann und die Musik

Als Intendant der Staatsoper und Musikchef beim NDR hinterließ er bleibende Spuren in Hamburg. Am 14. September wäre Rolf Liebermann 100 Jahre alt geworden. mehr

Wir dürfen beide Stücke heute nicht nur als sinnlich-werbende Liebesgesänge, sondern auch als Preislieder auf die Kraft der Liebe und den Zauber der Schönheit selbst verstehen. Und heute Abend auch auf den Raum, in dem sie erklingen. Wie Jacob Praetorius war auch Rolf Liebermann eine bedeutende Figur der Hamburger Musikgeschichte. Als Leiter der Musikabteilung des Norddeutschen Rundfunks und Intendant der Hamburgischen Staatsoper ist er in der Hansestadt unvergessen.

Nicht zuletzt aber sorgte er auch als Komponist für Furore - und das im wahrsten Sinne des Wortes. "Furioso", sein erstes vollgültiges Orchesterwerk, wurde 1947 bei den legendären Darmstädter Musiktagen uraufgeführt. Der Sturmwind der virtuosen Streicherkaskaden und unablässig vorantreibenden Paukenschläge ist hier beinahe körperlich zu spüren. In der dreiteiligen Form italienischer Ouvertüren angelegt, verbindet sich Zwölftontechnik mit raffinierter Klangsinnlichkeit. Und im kantablen Mittelteil singt Liebermann fast im Stile seiner italienischen Vorgänger.

"Turangalîla-Sinfonie" von Oliver Messiaen

Der größte Sänger der Liebe im 20. Jahrhundert aber war Olivier Messiaen. Der Titel seiner monumentalen "Turangalîla-Sinfonie" ist schon Programm: "Turanga, das ist die Zeit, die davoneilt wie das galoppierende Pferd. Lîla bedeutet Spiel, Spiel aber im Sinne eines göttlichen Einwirkens auf das kosmische Geschehen, also das Spiel der Schöpfung, der Zerstörung, der Wiedererschaffung, das Spiel von Leben und Tod. Lîla bedeutet aber auch Liebe."

Das Finale der Sinfonie ist ein Liebestanz des wundersam oszillierend instrumentierten Orchesters, eine "Hymne an die Freude", wie Messiaen es ausdrückt, "jene Freude, wie sie nur einer ermessen kann, dem in tiefem Elend eine Ahnung von ihr zuteil geworden ist: übermenschliche, überströmende, blendende und maßlose Freude." Es ist zutiefst berührend zu sehen, wie Messiaen drei Jahre nach Kriegsende (im Gefangenenlager schrieb er sein erschütterndes "Quatuor pour la fin du temps") dieses Loblied auf die Schöpfung und die Liebe, "die alles übersteigt, alles überrennt", zu singen imstande war.

Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie

Wie gewaltsam dagegen hat sich Ludwig van Beethoven den Hymnus über Friedrich Schillers Ode an die Freude als Schlusssatz seiner neunten und letzten Sinfonie aus der Seele gerungen! Die vielen erhaltenen Skizzen erzählen von diesem Kampf, den Zweifeln, und noch nach der Uraufführung wollte er diesen Satz durch ein konventionelleres, rein instrumentales Finale ersetzen. Bis heute bleibt dieses Stück Musik irgendwie aus der Welt gefallen, nicht mit ihr verbunden, durch keine reale Erfahrung beglaubigt. "Alle Menschen werden Brüder" - selbst Schiller stand seinem Gedicht später skeptisch gegenüber.

Und doch soll, nein, muss dieses Werk unseren Abend beschließen. Beethoven hat diese Zeilen mit prometheischem Atem vertont, belebt, beseelt. Jeder Takt atmet sein hohes Ethos, seine Hoffnung, dass alles irgendwann doch gut wird. Und so können auch wir uns der bestürzenden Schönheit dieser Musik hingeben, nicht als Zustandsbericht, aber als ewigem Appell.

Weitere Informationen

NDR Elbphilharmonie Orchester

NDR Elbphilharmonie Orchester

Das Flaggschiff der NDR Ensembles ist das Residenzorchester der Elbphilharmonie Hamburg. Festivalauftritte und Konzertreisen führen es auf die weiteren großen Bühnen der Welt. mehr

Elbphilharmonie-Eröffnung im Zeichen der Freude

"Sie werden unerwartete Musik hören", sagte Intendant Lieben-Seutter vor der Eröffnung der Elbphilharmonie. Zu Recht: Das Konzert ist anspruchsvoll, kann aber begeistern. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Elbphilharmonie Orchester | 11.01.2017 | 20:15 Uhr

Mehr Kultur

88:28

Eine Hand wäscht die andere

23.10.2017 23:15 Uhr
NDR Fernsehen
02:32

Wahr. Schön. Gut. - Kulturkritik auf den Punkt

23.10.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal
05:14

Julia Westlake trifft Nils Mönkemeyer

23.10.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal