Stand: 06.01.2017 14:08 Uhr

Gérard: "Wir bedauern drei Dinge"

Am kommenden Mittwoch wird die Elbphilharmonie endlich eröffnet. 15 Jahre hat es gedauert von der Idee bis zur Fertigstellung. Die Idee hatte damals ein kunstinteressiertes Ehepaar aus Hamburg: die Kunsthistorikerin Jana Marko und der Architekt Alexander Gérard. NDR Info hat mit ihm gesprochen.

Sie und Ihre Frau wurden kurz vor Baubeginn aus dem Projekt herausgedrängt, obwohl Sie jahrelang für den Bau der Elbphilharmonie gekämpft hatten. Was war das für ein Gefühl jetzt bei der ersten Probe im Großen Konzertsaal?

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Der Architekt Alexander Gérard begeisterte die Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron für die Elbphilharmonie.

Alexander Gérard: Das war ein sehr bewegender Moment. Man freut sich natürlich, wenn so ein Projekt am Ende dann Wirklichkeit wird und wenn es auch noch gelungen ist. Und das war es in jeder Hinsicht: sowohl räumlich, architektonisch wie auch akustisch.

War es denn schwer, die Hamburger von der Idee eines Konzerthauses im Hafen zu überzeugen?

Gérard: Ja, also zumindest bei denen, die mit der Planung der Hafencity zu tun hatten, war es schwer.

Inwiefern?

Gérard: Die hatten sich eben auf ihre Hafencity konzentriert und sagten: "In der Mitte unserer Hafencity gehört die Kultur hin." Obwohl der Masterplan für die Hafencity ja gerade beim Kaispeicher A eine kulturelle Nutzung auch vorgesehen hatte, aber da wollten sie sie nicht haben, weil sie nur ihre kleine Welt der Hafencity sahen und nicht die größere Stadt.

Sie hatten ja damals eigentlich ein unschlagbares Argument: Der Bau der Elbphilharmonie sollte durch den Verkauf der Wohnungen und die Bewirtschaftung des Hotels in dem Gebäude finanziert werden. Inzwischen wissen wir, dass die Elbphilharmonie alles in allem 789 Millionen Euro gekostet hat. War das damals also ein unhaltbares Versprechen oder war das die Schuld Ihrer Nachfolger, dass es dann doch so teuer geworden ist?

Gérard: Sicherlich Letzteres. Die Architekten selber haben meines Wissens den Bau, so wie er heute dasteht, mit ungefähr 400 Millionen Euro bewertet. Was wir damals vorgeschlagen hatten, war ja ein sehr viel kleinerer Bau. Nach unserem Ausscheiden ist ja die Fläche um 43 Prozent vergrößert worden. Unsere Schätzungen lagen für unser sehr viel kleineres und kargeres Projekt bei 146,5 Millionen Euro.

Wenn wir jetzt in Betracht ziehen, dass fast 70 Millionen Euro Spenden eingegangen sind und die Wohnungen ja heute zwischen 18.000 und 25.000 Euro pro Quadratmeter erwirtschaften, kann man sich leicht ausrechnen, dass die Erträge aus den Wohnungen und dem Hotel und die Spenden nach unserer Einschätzung gereicht hätten, um den Saal oder die Säle für die Stadt zu errichten, ohne dass sie weitere Steuergelder hätte einbringen müssen.

Diese enormen Belastungen, die durch die Vertragskonstruktion zusätzlich entstanden sind und natürlich auch durch das Aufblähen des Projektes und den Anspruch, einen der zehn besten Konzertsäle der Welt zu produzieren, sind ja alles Sachen, die später dazugekommen sind. Und das können wir uns nicht selber ans Bein binden.

Sie und Ihre Frau wollten eigentlich eine schlichtere Elbphilharmonie mit Platz auch für alternative Kunst. Bedauern Sie es, dass "Ihre Elbphilharmonie" jetzt doch etwas anderes geworden ist?

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Gérard: Wir bedauern eigentlich drei Dinge: Die Verschwendung öffentlicher Gelder, die - so sagt man mir - später keine Rolle mehr spielen wird, aber Verschwendung ist Verschwendung. Das Zweite, was wir sehr bedauern, ist, dass eben das alte Tragwerk nicht mehr erlebbar ist, also die eigentliche Konversion eines alten Hafengebäudes, das man als solches noch hätte erleben können auf dem Weg zu dem Neubau.

Und das Dritte, was wir sehr bedauern, ist, das Konzept, im Bauch der Elbphilharmonie - also dem alten Kaispeicher - einen Raum für die Off-Szene zu machen. Das nannten wir die geistige Hafenarbeiter-Kantine, in Anlehnung an die von Werner Kallmorgen, dem Erbauer des Kaispeichers, angedachte Hafenarbeiter-Kantine.

Da wollten wir eben ein alternatives Programm für die Off-Szene ermöglichen. Nicht nur räumlich, sondern auch finanziell, indem wir die Film- und Fotorechte an der Elbphilharmonie, die wir ja doch in einem erheblichen Umfang von mehreren 100.000 Euro Erträgen im Jahr ansetzten, in eine Stiftung einfließen lassen wollten, aus der heraus dann eben dieses Programm hätte finanziert werden sollen. Und das ist mit unserem Ausscheiden leider auch verloren gegangen.

Das klingt doch aber auch ein bisschen nach Wehmut, oder?

Gérard: In dieser Hinsicht ja. Aber Jana Marko und ich sind doch sehr froh, dass so ein tolles Gebäude entstanden ist. Es war eben wirklich ganz, ganz entscheidend und richtig, diese Architekten für diese Aufgabe zu verpflichten und eben auch den Akustiker Toyota, den wir noch zusammen mit den Architekten ausgesucht haben, bevor wir das Projekt verlassen mussten.

Also alles in allem: Hat sich das alles gelohnt?

Gérard: Ja, doch, unbedingt. Wir würden es auch wieder machen.

Das Interview führte Liane Kossmann, NDR Info.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 06.01.2017 | 06:55 Uhr

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