Stand: 25.01.2017 07:20 Uhr

Romantische Farbklänge mit Yo-Yo Mas "Arc of Life"

von Marcus Stäbler

Yo-Yo Ma hat schon für acht Präsidenten gespielt und ist in der Sesamstraße aufgetreten. Keine Frage, der 61-jährige Amerikaner mit chinesischen Wurzeln gehört zu den bekanntesten Künstlern der Klassik. Manche halten ihn für den besten Cellisten der Welt. Bei den Eröffnungswochen der Elbphilharmonie ist Yo-Yo Ma insgesamt dreimal zu Gast. Am Dienstagabend präsentierte er den ersten Kammermusik-Abend im großen Saal, gemeinsam mit seiner langjährigen Klavierpartnerin Kathryn Stott.

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Yo-Yo Ma und Kathryn Stott spielen ein Programm mit Werken von Sibelius, Schostakowitsch und César Franck.

Schon nach den ersten paar Takten ist klar: Ein sanftes Murmeln des Klaviers und ein leiser Gesang des Cellos reichen völlig aus, um den Raum zu füllen. Auch kleine Besetzungen sind im großen Saal gut aufgehoben. Das hatte sich im Eröffnungsprogramm der Elbphilharmonie vor zwei Wochen bereits angedeutet, und das ist jetzt auch bei Yo-Yo Ma und Kathryn Stott zu erleben - an einem Abend der romantischen Farben und verträumten Melodien.

Die Akustik bildet jede noch so zarte Linie bleistiftfein ab und wirkt wie gemacht für die Kammermusik und ein intimes Zusammenspiel. Nach über 30 Jahren musikalischer Partnerschaft verstehen sich Yo-Yo Ma und Kathryn Stott blind und finden eine ideale Balance - wie im berühmten Ave Maria von Charles Gounod. Gounods Bach-Bearbeitung ist der Auftakt eines zu Anfang noch etwas süßlichen Programms mit dem Titel "Arc of Life", also "Lebensbogen". Das Konzept hat Yo-Yo Ma in einem Interview mit dem kanadischen Sender Studio q erläutert.

Erfahrungen - festgehalten in Musik

"Wir haben alle Erinnerungen an Schlüsselmomente in unserem Leben - und diese Momente verbinden wir oft mit einer bestimmten Musik", sagt der Musiker. "Das Programm 'Arc of Life' vereint Stücke, die für uns beide eine besondere Rolle spielen, weil sie uns in wichtigen Situationen begleitet haben. Die Musik beschwört Erfahrungen, an denen wir uns festhalten." Ein kurzes Stück von Jean Sibelius erinnert schmachtend an eine große Liebe; Franz Schubert besingt das Wunder des Lebens - und die Cellosonate von Dmitri Schostakowitsch konfrontiert jugendliche Schwärmerei und trotziges Aufbegehren mit Resignation. Der Kampf gegen das Schicksal ist vergeblich, so sehr man sich auch abstrampelt.

Großes Staunen über den Saal

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Gelöste Stimmung nach einem Ausnahmekonzert: Yo-Yo Ma und Kathrin Stott freuen sich nach ihrem ersten Konzert in der Elbphiharmonie.

Man könnte streiten, ob Schostakowitsch nicht eigentlich noch mehr Biss bräuchte; man hätte andererseits auch ausgiebig über die perfekte Bogenkontrolle von Yo-Yo Ma und seinen herrlichen Ton schwärmen können - aber das zentrale Thema vieler Pausengespräche ist nicht der Cellist, sondern der Saal selbst. Fasziniert fotografieren die Besucher jede Rundung des Raums, sie betasten die Wölbungen der Wände und staunen über den transparenten Sound - auch auf den Rängen hoch über und hinter der Bühne.

Höhepunkt des Abends ist eine Cellobearbeitung der Violinsonate von César Franck. Nach der etwas kleinteiligen ersten Hälfte spannen Yo-Yo Ma und Kathryn Stott hier große Bögen, sie entfachen musikantische Leidenschaft und fesseln mit einer Fülle an Farbnuancen. Das Publikum feiert das sympathische Spitzenduo mit Standing Ovations und erklatscht sich vier Zugaben nach einem Konzert, in dem man sich noch einmal ganz neu in diesen wunderbaren Saal verlieben konnte.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 25.01.2017 | 07:20 Uhr

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