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Ist Hamburgs Kulturerbe bedroht?

von Thorsten Mack

Es geht um Steine, Backsteine. Auf ihnen ist Hamburg gebaut - sie sind norddeutsche Identität. In all ihrer Einfachheit sind sie eine wahre Pracht. Sie zieren architektonische Meisterwerke und sie kleiden viele Wohnviertel. Noch. Denn der steinerne Ausdruck einer Zeitenwende ist in Gefahr.

Denkmalgeschützte Bauten ohne Dämmung

Vorderansicht des Holthusenbades in Hamburg. © Vivienne Schumacher Fotograf: Vivienne Schumacher Detailansicht des Bildes Fritz Schumacher errichtete von 1912 bis 1914 das Holthusenbad. Das heutige Schwimmbad in Hamburg-Eppendorf ist denkmalgeschützt. In den 20er-Jahren lässt Hamburgs Oberbaudirektor Fritz Schumacher ganze Viertel neu erschaffen. Es ist der Beginn des sozialen Wohnungsbaus. Schumacher hat eine Idee: Der Backstein, der vorher nur tragendes Material von Häusern war, muss sichtbar sein - als Symbol dafür, dass auch die einfachen Arbeiter eine erkennbare Rolle in der Gesellschaft spielen. Viele seiner Bauten stehen heute unter Denkmalschutz.

Doch der Backstein droht von der Oberfläche zu verschwinden. Denn die Häuser sind nicht gerade energiesparend - moderne Wärmeschutzvorgaben werden nicht erfüllt. So schön die Bauten auch sind, sie verstrahlen ihre Wärme ziemlich großzügig. Ihre einfachen Wände sind ohne jede Dämmung. Die Wärme kann ohne jeden Puffer entweichen.

Wie können Backsteingebäude wärmeisoliert werden?

Albert Schett. © NDR Detailansicht des Bildes Albert Schett vom Denkmalschutzamt Hamburg erläutert die unterschiedlichen Maßnahmen zur Wäremedämmung an Backsteingebäuden. So ungeschützt sollen die Häuser nicht bleiben. An vielen Gebäuden werden jetzt Wärmeschutzmaßnahmen installiert, die Wände isoliert, neue Fenster eingebaut. Eine warme Jacke für die alten Baukörper. Das gelingt teilweise recht überzeugend. Albert Schett vom Hamburger Denkmalschutzamt macht in Dulsberg die Probe aufs Exempel:

"An dieser Stelle haben wir vor das historische Mauerwerk nun eine Mineralwolle angebracht, und vor die Mineralwolle, vor das eigentliche Dämmmaterial, einen viertel Stein, das heißt einen Vollklinker. Das ist eine qualitativ sehr hochwertige Lösung." Und ein hoher Aufwand und damit natürlich ziemlich kostspielig. Deshalb gibt es auch zwei Häuser weiter eine andere Variante - mit Klinkerimitat, denn das ist billiger, wie Schett sagt:

"An dieser Stelle haben wir nun ein Wärmedämmverbundsystem vor die Fassade gebracht. Die Qualität in der Oberfläche ist nicht so hochwertig wie beim vorausgehenden Bau. Der Kostenfaktor ist zwei bis drei Mal billiger als die teure Lösung, die wir vorgestellt haben."

Wie viel ist uns das historische Stadtbild wert?

Ganze Viertel werden deshalb aus Kostengründen praktisch zutapeziert - für Hauseigentümer absolut verständlich, für das geschichtliche Stadtbild aber ein Armutszeugnis. Auf einer Styroporschicht werden die Backsteinähnlichen Platten aufgeklebt. Alles nur Fassade - aber eben nicht die echte.

"Die wesentliche historische, materialhafte Aussage ist nicht mehr vorhanden", so Schett. "Wir diskutieren gerade darüber, wie ein Gebäude nach dieser Qualifizierungsmaßnahme von unserer Seite aus zu behandeln ist." Albert Schett kann nicht ausschließen, dass ein Gebäude nach einer derartigen Sanierung seinen Denkmalschutz verliert.

Gerät der Denkmalschutz aus den Fugen?

Uli Hellweg. © NDR Detailansicht des Bildes Uli Hellweg von der IBA Hamburg: Unsichtbare Gebäudeteile sinnvoll dämmen, Backsteinfassade erhalten. Echte neue Steine oder glattgeputzte Imitate? Beides ist aus Sicht des Denkmalschutzes natürlich nicht ideal. Es gibt auch einen dritten Weg, und bei dem bleiben sogar die Originalfassaden erhalten. In einem Hamburger Vorzeigeensemble für den sozialen Wohnungsbau der 20er-Jahre - auf der Veddel - spart man mit vielen kleinen Maßnahmen 70 Prozent Energie. Dazu gehören so einfache Dinge wie isolierte Heizungsrohre. Das ist nicht so teuer wie eine neue Fassade und erhält die kulturelle Bedeutung des Gebäudes. Die Dämmungsarbeiten werden von der Internationalen Bauausstellung (IBA) unterstützt:

"Deswegen haben wir hier darauf Wert gelegt, vor allem die unsichtbaren Teile des Gebäudes hochwertig zu dämmen", erklärt Uli Hellweg von der IBA Hamburg. "Dort, wo das Haus seine Fassade, sein Gesicht zur Öffentlichkeit zeigt, haben wir die alte historische Backsteinfassade erhalten, weil sie den besonderen Charakter dieses Hauses ausmacht."

Es geht eben nicht nur um Steine. Es geht um Zeugnisse einer demokratischen Baukultur. Die sollte man nicht einfach zukleistern. Es braucht Einfallsreichtum und Liebe zum Detail - sonst gerät der Denkmalschutz aus den Fugen.

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