Norddeutsche Gesichter
Porträts bekannter historischer Persönlichkeiten aus Norddeutschland. mehr
Viel Premierenapplaus gab es am Sonntag in den Kammerspielen für das Drama "Zur Mittagsstunde" des amerikanischen Erfolgsautors Neil La Bute. Im Mittelpunkt steht ein Mann, der sich nach einem einschneidenden Erlebnis als auserwählter Gottes fühlt und der nun seine Umgebung missioniert. Die Hauptrolle spielt Marcus Blum. Eine Premierenkritik von Elisabeth Burchhardt.
Für seine Darstellung des John erntete Marcus Blum besonders großen Applaus.
In der Mitte der Bühne steht ein Stuhl, darauf kauert ein zitternder Mann, das Gesicht zerschrammt, Hemd und Krawatte voller Blutspritzer. Als einziger ist dieser Mann, John, einem Amokläufer entkommen. Die Erinnerung quält ihn: "Ich konnte die schweren Schritte seiner Stiefel hören, als er hinter mir her rannte. Ich total panisch. Und ich dachte nur: Scheiße, er hat mich gesehen, und hatte keine Ahnung was ich machen sollte." Glaubt man diesem John, dann war es die Stimme Gottes, die den rettenden Hinweis gab: Bleib wo du bist, sagte sie, dann sollst du gerettet werden.
John, gespielt vom hervorragenden Marcus Bluhm, bricht mit dem bisherigen Normalo-Leben. Und wandelt ab sofort sendungsbewusst durch die Welt in Sachen Gott, Güte und Vergebung. Er wird zu einem feurigen Missionar seines Glaubens, zu einem dieser typisch amerikanischen Heilsprediger. Und das ist das Problem des Theaterabends: Diese Heilsprediger sind bei uns ziemlich selten, die gehen uns kaum etwas an, auf die blicken wir, Gegenwartsstück hin oder her, mit Distanz.
"Ich versuche zu verstehen, ob es ein Angriff auf diese Evangelisierungsversuche in den USA ist", überlegt eine Besucherin nach der Premiere. Ein anderer Gast ist entschiedener: "Es war gut dargestellt, aber in Deutschland ist das nicht so."
Der bekehrte John bemüht sich sehr, hat es aber nicht leicht mit seiner neuen Rolle. Die Menschen in seiner Umgebung reagieren mit Misstrauen auf ihn - die Ex-Frau zum Beispiel, gespielt von Imke Trommler. Das neue Ich von John muss sich in mehreren Konstellationen beweisen. Es gibt Szenen mit einem Anwalt, einer Ex-Geliebten, mit einer Prostituierten und einer überkandidelten Talkshow-Lady, wobei Regisseur Jens Pesel und seine Schauspieler nicht alle Dialoge zum Funktionieren bringen. Es gibt viele Längen, Passagen, die einfach nicht mit Leben gefüllt sind - dazwischen zum Glück aber auch kleine Highlights, wie einen Kurzauftritt von Kai Maertens, der einen ruppigen Inspektor spielt.
Marcus Bluhm ist immer gut in der Rolle dieses Saulus, der zum Paulus wird. Man glaubt, dass dieser John von seiner neuen Aufgabe überzeugt ist, man versteht, dass er über sein großes Erweckungserlebnis nur mit Pathos sprechen kann. Man versteht überhaupt alles - bloß eben und wie gesagt nicht, was uns das Ganze angeht. Es war kein ganz schlechter, aber auch kein Spitzen-Abend. Wir lernen, dass man selbst Stücke eines Erfolgsautors nicht überall hin verpflanzen kann.