Norddeutsche Gesichter
Porträts prominenter Norddeutscher aus Geschichte und Gegenwart - darunter auch norddeutsche Bühnenstars. mehr
"Heilige Maria Mutter Gottes, bitte für uns Sünder", singt der schwarzgewandete Priester, und die vor ihm stehenden Gläubigen antworten mit den gleichen Worten. Viele ältere Frauen und Männer sind darunter, aber auch ein paar Jugendliche. Sie alle halten Kerzen oder Grablichter in der einen und weiße Rosen in der anderen Hand. Manche haben ein Kruzifix mitgebracht und heben es mahnend in die Luft. Eine Dame trägt ein Schild mit der Aufschrift: "Nein zu Blasphemie". Es ist kurz nach 19 Uhr: Im Halbkreis stehen die zunächst nur gut 20 Personen auf dem Bürgersteig gegenüber der Altonaer Spielstätte des Thalia Theaters in der Gaußstraße.
Dort findet an diesem Abend das Gastspiel "Gólgota Picnic" im Rahmen der dritten Lessingtage statt. Gegen die Aufführung dieses religionskritischen Stückes wenden sich die gläubigen Katholiken unter Führung von Pater Alois Brühwiler von der Piusbruderschaft. "Der Kreuzestod unseres Erlösers wird in diesem Stück verhöhnt. Deshalb veranstalten wir hier ein öffentliches Bitt- und Sühnegebet", sagt der Pater mit sanfter Stimme zu NDR.de. Er singt Gloria-Lieder mit seinen Anhängern und betet mehrmals das Vaterunser gegen die vermutete Gotteslästerung.
Die Szenen, die Brühwiler so kritisiert, sind schon von Fotos und Mitschnitten anderer Aufführungen in ganz Europa bekannt: Der gekreuzigte Jesus wird in "Gólgota Picnic" von einer Frau im Nackt-Kostüm gespielt, die auf dem Kopf einen Motorradhelm mit Dornenkrone trägt. Das Ganze findet statt im Setting eines Schlachtfelds aus Tausenden Hamburger-Brötchen.
Simone M. ist extra aus Kiel angereist, um mit den anderen Gläubigen hier singend gegen diese Provokation zu protestieren. "Kunst hat Grenzen", sagt die junge Frau, die mit ihrem Vater von der Förde gekommen ist. "Schon der Titel zeigt, dass es um die Verhöhnung des Gottestodes geht", meint sie. Aus dem in der Bibel zentralen Golgota ein "Picnic" zu machen, ziele gegen ihre religiösen Gefühle. Auf die Frage, ob sie sich denn um Karten für das Stück bemüht habe, sagt M., dass sie sich "so etwas" von vornherein nicht habe anschauen wollen.