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Ein Cocktail oder lieber eine Spende für Afrika?

von Daniel Sprenger, NDR.de
Szene aus der Produktion des Wolfgang Borchert Theater, Münster "Benefiz. Jeder rettet einen Afrikaner" © Wolfgang Borchert Theater, Münster Eckhart (Jürgen Lorenzen), Christine (Anuk Ens), Leo (Florian Bender), Eva (Saskia Boden) und Rainer (Sven Heiß) bitten um Spenden für Afrika.

Ist jeder Mensch einem wirklich gleich viel wert oder macht jeder von uns nicht doch Unterschiede? Darf man als Weißer über Schwarzen-Witze lachen? Und warum geben viele lieber zehn Euro für einen Cocktail aus, anstatt ein Kinderleben in Afrika zu retten? Keine leichte Kost, diese Fragen, und doch ist "Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner" ein ausgesprochen leichtes Stück, eine Satire auf den oftmals verklemmt-verschämten Umgang mit dem Thema Armut in Afrika.

Bei dem Gastspiel in der Komödie Winterhuder Fährhaus anlässlich der Hamburger Privattheatertage am Montagabend hat das Publikum oft herzhaft gelacht - manchmal damit allerdings unweigerlich auch über sich selbst. Denn das Herum-Lavieren im engen Korsett der politischen Korrektheit dürfte so manchen selbst schon einmal genauso geplagt haben wie die bange Frage, ob eine Spende und wenn ja, in welcher Höhe angebracht ist.

"Es geht um Menschen" - und um persönliche Eitelkeiten

Ein Plakat stellt am Rande des Stücks "Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner" das Hilfsprojekt in Kenia vor. © NDR Fotograf: Daniel Sprenger Um diesen Brunnen geht es - im Stück wie in der Realität. In dem Stück des Wolfgang Borchert Theaters aus Münster geht es zunächst nur um die Probe einer von fünf Engagierten ins Leben gerufenen Benefiz-Veranstaltung zugunsten eines Brunnenbauprojekts in Eletepesi, irgendwo in der kargen Steppe Kenias. Doch auch noch um viel mehr: "Es geht um Menschen", wie die fünf immer wieder unisono und mit übertriebener Betroffenheitsmiene betonen. Doch damit hat es sich auch schon mit den Gemeinsamkeiten: Bis am Ende ein gemeinsamer Spendenaufruf steht, kommen die Egoismen der vermeintlichen Gutmenschen zum Tragen, deren hehre Absicht durch ihr Verhalten konterkariert wird.

Ein jeder ringt auf teils schreiend komische Art um sein Stück Aufmerksamkeit bei der Veranstaltung, vor allem die von Anuk Ens gestreng und schnell beleidigt gespielte eitle Frau im Business-Kostüm versucht die Benefiz-Veranstaltung zur Selbstdarstellung zu missbrauchen. Als sie das Schicksal eines Kindes nacherzählt, beginnt sie ebenso affektiert wie kühl berechnend zu weinen. "Ich wusste nicht, dass du an dieser Stelle auch weinst", unterbricht sie abrupt ihr Heulen und wendet sich entrüstet an Eva, die von echten Emotionen übermannt wird.

Hüterin der political correctness

Ein Plakat wirbt vor dem Stück "Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner" im Winterhuder Fährhaus für die Privattheatertage Hamburg. © NDR Fotograf: Daniel Sprenger Im Rahmen der Privattheatertage Hamburg wurde am Montagabend in der Komödie Winterhuder Fährhaus "Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner" aufgeführt. Denn Eva (Saskia Boden) wirkt in ihrem weiten Baumwollkleid und dank eines beständig wiederholten "Ich find das ganz ganz schlimm" wie ein Mensch gewordener Korksohlenlatschen auf Speed. Sie ist denn auch die selbst ernannte Hüterin der political correctness, beispielsweise als der Lebemann Rainer (Sven Heiß) seine Bekannte Valeria als weitere mögliche Teilnehmerin ins Spiel bringt, mit den Worten, Valeria als Schwarze tue der Sache bestimmt gut.

Natürlich findet Eva das "ganz ganz schlimm", nur aufgrund der Hautfarbe eine Person einzuladen. Rainer kommt ins Stottern: "Valeria als Schwarze, äh als Afro-Dings, als Afro-Hamburgerin, darüber sollten wir sprechen". "Darüber?", braust Eva auf, "findest du, dass ein schwarzer Mensch eine Sache ist?"

Cocktail statt Spende

Das Publikum hält während der Vorstellung von "Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner" die Hände in die Höhe. © NDR Fotograf: Daniel Sprenger Das Publikum wird zum Mitmachen aufgefordert. Erst soll jeder zehn Euro hochhalten und dann aufstehen und die Hände in die Luft strecken. Natürlich ist es auch Eva, die Schwarzen-Witze - richtig - "ganz ganz schlimm" findet, woraufhin Rainer ihr eine Humortherapie vorschlägt. Ihm reicht es mit dem schlechten Gewissen, das ihm schon als Kind gemacht wurde, nach dem Motto: "Iss deinen Teller leer, in Afrika wären sie froh, wenn sie so viel hätten." Er stellt vehement in Zweifel, ob die vom älteren Pastor Eckhart (Jürgen Lorenzen) gepredigte Nächstenliebe wirklich zieht als Spendenaufruf und fragt ketzerisch, warum statt einer möglicherweise lebensrettenden Spende so viele Menschen einen Cocktail für sich vorziehen.

Eine Antwort hat er nicht. Doch die gibt am Ende das Publikum, das von Beginn an mit einbezogen wurde, indem es Rainers These widerlegt. "Die Leute proben verantwortungsbewusstes Weltbürgertum", hatte Florian Bender als junger Mann Leo einleitend gesagt und schnell ein Spiel zur Auflösung der Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum angestrengt. Zehn Euro solle jeder aus seinem Portmonee holen - "Keine Angst, das müssen Sie nicht spenden" - und in die Luft halten. "So, und nun werfen Sie bitte das Portmonee auf die Bühne."

Inszenierung und Realität verschwimmen

Der Schauspieler Florian Bender sammelt in seiner Rolle als Leo nach dem Stück "Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner" Spenden für ein Brunnenbauprojekt in Kenia. © NDR Fotograf: Daniel Sprenger Am Ende sammelt Florian Bender in seiner Rolle als Leo zusammen mit den anderen Schauspielern Geld für ein reales Hilfsprojekt in Kenia. Ganz so weit kommt es nicht, doch Kunst und Realität kommen einander sehr nahe, oder besser: gehen ineinander über. Tatsächlich wird am Ende, als sich alle endlich auf einen Spendenaufruf einigen können, Geld gesammelt - für das auch im Stück immer wieder erwähnte Brunnenbauprojekt in Eletepesi. Rainer zeigt sich zunächst noch überrascht, dass das "barmherzige Klischee" funktioniert. Er hätte nie gedacht, "dass wir die Leute wirklich um Geld anbetteln". Doch dann steht auch er wie seine Kollegen mit einer Spendenbox vor dem Ausgang. Noch in der Rolle oder schon als engagierter Schauspieler? Egal. Wenn Satire lachende Erkenntnis ist, dann dürfte der Theaterabend mit einem großen Erkenntnisgewinn verbunden sein. Und mit einem finanziellen Gewinn für einen kleinen Brunnen mit großer Wirkung in der kargen Steppe irgendwo in Kenia.

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/buehne/privattheatertage137.html
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