Norddeutsche Gesichter
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Ein Leben für den Tanz - Ballettdirektor John Neumeier.
"Solange ich mich erinnern kann, wollte ich Tänzer werden", sagt John Neumeier - denn Ballett ist sein Leben. Schlüsselerlebnis für ihn ist ein Musical, das er als Vierjähriger mit seiner Mutter besucht. "Als wir aus dem Kino nach Hause kamen, wollte ich die Tänze nachmachen. Immer habe ich getanzt."
Inzwischen ist er der dienstälteste Ballettchef der Welt. 1973 kam er an die Hamburger Staatsoper, seit nunmehr 40 Jahren ist er der Direktor des preisgekrönten Hamburg Balletts. Für den heute 71-Jährigen ist das ein persönlich bedeutendes Jubiläum: "Das hätte ich nie gedacht. Das war nie geplant. Aber es hat sich so entwickelt."
Aufgewachsen ist der Kapitänssohn mit einer polnischen Mutter und einem deutschen Großvater in Milwaukee, im US-Staat Wisconsin. Seine frühe Begeisterung für Tanz teilt die Familie zunächst nicht. Doch immerhin darf er Stepptanz lernen. An der katholischen Universität seiner Geburtsstadt, wo er englische Literatur und Theaterpraxis studiert, wendet sich das Blatt: Hier trifft John Neumeier auf John Walsh, Lehrer des Jesuitenordens. Dieser bestärkt ihn erstmals darin, Tänzer zu werden.
Sein erstes Engagement führt ihn 1960 sogleich nach New York, der Metropole des zeitgenössischen Tanzes. Zwei Jahre später setzt er an der Royal Ballet School in London seine Ausbildung fort.
Im Jahr 1963 bringt ein Engagement in Stuttgart den Tänzer erstmals nach Deutschland. Dort arbeitet er zunächst als Solist, später auch als Choreograf. Sein Weg führt ihn weiter nach Frankfurt am Main, wo er mit 27 Jahren der jüngste Ballettdirektor Deutschlands wird. Und schließlich kommt der Ruf nach Hamburg. Das ist "ein großer Schritt" für Neumeier, denn hier kann er seine Vision wahr werden lassen: neue zeitgenössische Formen für das abendfüllende Ballett zu finden. Mit Erfolg - aus dem zunächst für drei Jahre geschlossenen Vertrag wird eine lebenslange Bindung.
Höchstes Niveau von Anfang an: Die John Neumeier Ballettschule
Der Anfang ist alles andere als leicht: "Man hielt mich für ein junges Monster. Niemand wusste so richtig, was ich wollte und vorhatte", erzählt der Amerikaner. Doch seine Arbeit überzeugt: Mit Neuinterpretationen von "Romeo und Julia" oder "Der Nussknacker", Biografien wie "Nijinsky" oder "Die dritte Sinfonie von Gustav Mahler" baut er das Hamburg Ballett zu einer der besten deutschen Compagnien auf, wird mit Preisen überhäuft und auf den Bühnen der Welt umjubelt.
Wie er das schafft? Neumeier spürt in seinen Stücken dem nach, was mit Worten nicht gesagt werden kann: "Ein Choreograf arbeitet mit dem wichtigsten und kostbarsten Material, das es gibt: dem Menschen."
Der dienstälteste Ballettchef der Welt hat gut Lachen - Hamburg ist für ihn ideale Wirkungsstätte.
Schon in der ersten Spielzeit begründet er die Reihe der Ballett-Werkstatt, die Einblick in die Tanzgeschichte und die kreative Arbeit der Hamburger Compagnie gibt. 1975 ruft er als Abschluss und Höhepunkt der Saison die "Hamburger Ballett-Tage" ins Leben. Sie münden alljährlich in die Nijinsky-Gala - einer Veranstaltung, die sich jeweils einem tanzspezifischen oder balletthistorischen Thema widmet.
Drei Jahre später gründet Neumeier eine eigene Ballettschule, um einen neuen Maßstab für die Ballett-Compagnie zu setzten.
Zu seinem 70. Geburtstag im Februar 2012 hatte der Großmeister des Balletts eigentlich keine besonderen Wünsche. Stattdessen wollte er sich über "ein paar mehr Lehrer, ein paar mehr Pianisten, ein paar mehr Tänzer" für sein Ballettzentrum freuen, sagte Neumeier seinerzeit im Interview einer Nachrichten-Agentur. Einen Geburtstagswunsch hatte er allerdings doch noch, der auch gut zum Jubiläum als Ballett-Direktor passt: "Ich hoffe, dass das Bundesjugendballett gesichert wird. Die Anfänge sind hervorragend und ich hoffe nun, dass es weitergeht."