Norddeutsche Gesichter
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Mann? Frau? "Gardenia" stellt eingefahrene Geschlechtervorstellungen in Frage.
Der Belgier Alain Platel gehört zu den Stars der europäischen Tanzszene. Bevor er Choreograph wurde, war er Heilpädagoge und arbeitete mit behinderten und sozial benachteiligten Jugendlichen. Und auch in seinen Inszenierungen beschäftigt er sich oft mit Außenseitern der Gesellschaft. In seinem neusten Stück "Gardenia", das jetzt in Hamburg auf Kampnagel zu sehen ist, geht es um alternde Transvestiten, die ein letztes Mal für eine große Revue zusammenkommen. Am 17. Novemer war Premiere.
Es ist ein anrührender, aber auch unterhaltsamer und komischer Abend. Auf dem Bühnenparkett stehen neun Darsteller regungslos wie auf einem Schachbrett verteilt - scheinbar ältere Herren. In ihren grauen Anzügen wirken sie auf den ersten Blick eher unscheinbar. Aber dann stellt der Theaterchef sie als Ensemble des Kabarett-Theaters Gardenia vor, das seine letzte Vorstellung feiert. Obszön und anstößig geht es dabei zu - Zitat: "Erst das Fressen, dann die Moral".
Mit viel Schminke kommt der Glamour zurück in die alternden Schauspieler.
Der Theaterchef geht bei der Beschreibung seiner Darsteller in die Vollen. Und das Publikum kann sich kaum halten vor Lachen - so derb sind die Ausdrücke und sexuellen Anspielungen und so wenig passen sie zum Erscheinungsbild und Auftreten der grauen tattrigen Anzugträger, die sich greisenhaft über die Bühne schleppen. Geschmeidiger und jungendlicher werden ihre Bewegungen erst, als sich in ihren Fummel schmeißen - ihre Seidenstrümpfe anlegen, Pallettenkleider überstülpen und sich an früher erinnern, an ihre großen Auftritte. Da leuchten die Augen, da werden sie plötzlich lebendig - als Liza Minelli oder Marlene Dietrich - mit ausgestreckten Armen in Sieger-Pose.
"Wir haben alle Klischees bedient", sagt Schauspielerin Vanessa van Durme, die die Idee zum Stück hatte, "die schmutzigen Witze, die Obszönitäten, das Überkandidelte - alles, was sich die Leute so vorstellen bei Transvestiten. Wir spielen damit - mit den eingefahrenen Geschlechtervorstellungen. Eigentlich geht es in Gardenia gar nicht so sehr um Transvestiten, sondern um das Leben". Die 65-jährige Vanessa van Durme, die den Theaterdirektor darstellt, ist transsexuell und hatte vor Jahren eine Geschlechtsumwandlung. Sie überzeugte den Choreographen Alain Platel mit befreundeten Transvestiten zu arbeiten. "Ich kenne alle noch von früher, als sie jung waren", sagt sie, "heute sind sie zwischen 60 und 70. Und ich wollte ein Stück über das Älterwerden und den Jugendwahn machen. Wie altert man in Würde? Auch Alain arbeitet normalerweise ja nur mit schönen jungen Menschen - er hat nicht schlecht geguckt als wir dann aufkreuzten. Und ich hab gleich zu ihm gesagt, ich will keine einfache Transvestitenshow. Das ist langweilig."
Gardenia: Zum letzten Mal das Altern vergessen.
Und tatsächlich ist dieser Abend viel mehr. Es geht geht darum, wer wir sind: Jung? Alt? Mann? Frau? Und darum, dass wir meist von allem ein bisschen in uns tragen. Ausgerechnet der einzige junge Darsteller, der noch einen wohlformten Körper hat, ist der Traurige auf der Bühne. Nach einem hinreißend komisch jugendlichem Tanz liegt er schluchzend am Boden und fragt, was Glück bedeutet. Und auch die einzige echte Frau im Ensemble kämpft mit ihrer Rolle wie die Transvestiten auch. Ein wunderbar unterhaltsamer Abend, bei dem einem das Herz aufgeht.