Norddeutsche Gesichter
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"Vom Ende der Unschuld" widmet sich Motiven aus dem Leben des NS-Widerständlers Dietrich Bonhoeffer.
Steh-Applaus für ein geglücktes Wagnis: 850 Zuschauer haben am Donnerstagabend die Uraufführung der Oper "Vom Ende der Unschuld" im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel gefeiert. Die Parabel über das Leben des Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer ist die erste Oper, die extra für einen Evangelischen Kirchentag komponiert wurde.
Das Stück erzählt von Leben und Theologie Bonhoeffers, der von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Im Mittelpunkt der Handlung stehen die ungleichen Geschwister Germa (Julia Henning) und Heman (Ferdinand von Bothmer), denen ein vermeintlicher Heilsbringer (Krzysztof Szumanski) verkündet, er wolle sie aus Armut und Schwachheit retten. Freudig lassen sich Germa und die anderen Gutsbewohner auf den neuen Anführer ein, der einen Staudamm auf Kosten der Nachbarn bauen will. Nur ihr Bruder, der unverkennbar Züge Bonhoeffers trägt, erkennt die Willkür und Zerstörungswut des Machthabers Drako und widersetzt sich mutig.
Regisseurin Kirsten Harms, ehemalige Intendantin der Deutschen Oper Berlin, findet ausdrucksstarke Bilder für den ungleichen Kampf Gut gegen Böse. Immer wieder wandeln die Solisten zwischen den Orchestermitgliedern hin und her, während sich im Vordergrund dramatische Szenen abspielen. Am Anfang des vierten Bildes stehen die Gutsbewohner, dargestellt von den Chormitgliedern, bedrohlich mit riesigen Mistgabeln in einer Reihe im hinteren Teil der Halle. Riesige Schwarz-Weiß-Naturaufnahmen auf einer Leinwand im Hintergrund unterstreichen die jeweiligen Stimmungen.
Auch die Musik, die der erst 27-jährige Komponist Stephan Peiffer beisteuert, zielt auf eine ganz bestimmte Wirkung: Peiffer will laut eigener Aussage die verführerische Wirkung von Musik herausstellen, wie sie auch die Nationalsozialisten nutzten. Dafür bedient er sich aller musikalischer Epochen, angefangen mit alten Psalmklängen, gregorianisch anmutenden Chorälen und der gesamten klassischen bis spätromantischen Tradition sowie Kinderlied-Motiven und Marschmusik. Für seine Komposition bekam Peiffer besonderen Applaus vom Publikum.
Die exklusiv angelegte Oper zog zu ihrer Uraufführung auch einige Prominenz an: Neben dem ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, waren unter anderem Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) und der SPD-Bundestagsfraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier unter den Gästen.
Unter dem Applaus des Publikums wurde den Zuschauern der große Aufwand der Aufführung bewusst: Am Ende versammelten sich rund 250 Mitwirkende auf der Bühne. Da die Oper nur an drei Abenden aufgeführt wird, bekommen nur rund 2.500 Kirchentagsbesucher von insgesamt etwa 116.000 Dauerkartenbesitzern die Möglichkeit, "Vom Ende der Unschuld" zu sehen. Die Karten waren innerhalb kürzester Zeit vergriffen, bisher sind keine weiteren Aufführungen angekündigt.