Sendedatum: 05.03.2014 12:40 Uhr

Geschichten aus der Uckermark

Vor dem Fest
von Saša Stanišić
Vorgestellt von Katja Weise

Für seinen Debütroman wurde Saša Stanišić 2006 von manchen geradezu hymnisch gefeiert: "Wie der Soldat das Grammofon repariert" gelangte sogar auf die Shortlist für den deutschen Buchpreis.

Bild vergrößern
Der neue Roman von Saša Stanišić schildert die letzten Stunden vor dem Annenfest, das einmal im Jahr alle im Dorf zusammenführt.

Danach wurde es jedoch ruhig um den 1978 in Bosnien geborenen Autor, der im Alter von 14 Jahren nach Deutschland kam. Jetzt hat er mit "Vor dem Fest" einen zweiten Roman vorgelegt und auch der ist gleich wieder für einen Preis nominiert, für den der Leipziger Buchmesse.

Es ist ein Buch, in dessen Geschichten man sich verlieren kann: Weil Saša Stanišić ein Verführer ist, der mit Witz und Poesie einlädt zu einem vielstimmigen Ausflug in die Uckermark. Und weil es manchmal schwierig ist, über das Herumtrödeln zwischen den Geschichten das Ganze im Blick zu behalten.

Ein Dorf und seine Vergangenheit

Das Dorf Fürstenfelde und seine Geschichte: Malerisch am Ufer eines Sees gelegen, hat es nach der Wende viele Einwohner verloren, die Tankstelle musste schließen, und jetzt ist auch noch der Fährmann gestorben.

Leseprobe:

Niemand sagt, ich bin der neue Fährmann. Die wenigen, die verstehen, dass wir unbedingt einen neuen Fährmann brauchen, verstehen nichts von Fähren. Oder davon, wie man Gewässer tröstet. Oder sie sind zu alt. Andere tun so, als hätten wir niemals einen Fährmann gehabt. Die dritten sagen: Der Fährmann ist tot, es lebe der Bootsverleih.

Charaktere mit besonderen Eigenheiten

Fatalismus hat sich breit gemacht, gepaart allerdings mit Stolz auf das Dorf und seine Geschichte. Im Haus der Heimat wird sie gepflegt, von Frau Schwermuth, die unter derselben phasenweise extrem leidet.

Saša Stanišić ist ein guter Beobachter und erfindet hinreißende Charaktere. Dabei maßt er sich keinerlei Urteil an, weder über den Hühner-züchtenden Ex-Briefträger, der als Spitzel enttarnt wurde, noch über den vereinsamten ehemaligen Oberleutnant der NVA, der im Fernsehen Pornos anschaut: 

Leseprobe:

Im Handschuhfach liegt die Pistole. Herr Schramm hat vieles, was er heute bereut, aus eigenem Antrieb getan. Das, worin Herr Schramm gut war, war Druck. Aushalten und ausüben. Er fährt los. Vielleicht zum Zigarettenautomaten, vielleicht zur verlassenen Flugabwehr-Raketenabteilung. (..) Kippen oder Kopfschuss. Er hat sich noch nicht entschieden.

Diese lakonischen, oft auch sehr witzigen Bemerkungen sind eine Stärke des Buches. Eine andere ist, dass Stanišić nicht nur über Vor- und Nachwendezeit schreibt, sondern den Bogen weit spannt, bis zurück ins 16. Jahrhundert.

Leseprobe:

Im Jar 1589, hat Kuene Gantzkow, die Magd von unsrem getreuen Schultzen, ein Töchterchen geboren, welche die Schultzin ihr weggenommen, es genottauffet, hernach erwürget und über den Zaun geworfen in den Graben, wo wir es nach etlichen Wochen gefunden.

Spiel mit historischen Motiven

 

Zu lesen ist das teilweise etwas mühsam, der Leser wird regelrecht ausgebremst, da der Autor sich in Schrift und Ton an Originaldokumenten orientiert. Gleichzeitig jedoch spielt er geschickt mit historischen und sagenhaften Motiven, indem er sie in der Gegenwart des Romans wieder auftauchen lässt.

Die ist denkbar kurz: Geschildert werden nämlich die letzten Stunden vor dem großen Fest, dem Annenfest, das einmal im Jahr alle im Dorf zusammenführt. In guten wie in schlechten Zeiten. Stanišić gelingt ein beeindruckendes, lebendiges Dorf-Panorama - einige Merkwürdigkeiten inklusive. Dazu zählen die Passagen über eine Füchsin - er nennt sie fachkundig Fähe - die im Dorf die Hühnerställe unsicher macht:

Leseprobe:

Die Fähe ahnt die Zeit, da die Seen noch nicht existierten und keine Menschen hier ihr Revier hatten. Sie ahnt Eis, das die Erde horizontlang zu tragen hatte. Eis schob Land vor sich her, brachte Gestein, höhlte die Erde aus, hob sie zu Hügeln, die noch heute sich wellen.

Trotzdem funktioniert dieser wie eine Patchwork-Decke zusammengesetzte Roman. Im Kleinen zeigt Stanišić das Große: das Leben in all seinen Möglichkeiten, in seinem Glück, seinem Scheitern, und so ist "Vor dem Fest" auch eine Hommage an das Erzählen, das uns und die Erinnerung lebendig hält.  

(Katja Weise)

Vor dem Fest

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand Literaturverlag
Bestellnummer:
978-3-630-872438
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 05.03.2014 | 12:40 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/buch/tipps/Vor-dem-Fest,vordemfest101.html

Mehr Kultur

02:31 min

Simone Kermes in der Elbphilharmonie

30.03.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
04:12 min

Museumsgeschichten: Das Klimahaus in Bremerhaven

30.03.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
03:33 min

125 Jahre Künstlerkolonie Ahrenshoop

30.03.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin