Stand: 16.09.2015 13:30 Uhr

Jugendschutz durch legalen Cannabis-Konsum

Kiffen und Kriminalität. Der Jugendrichter zieht Bilanz
von Andreas Müller
Vorgestellt von Niklas Schenck

An Cannabis scheiden sich die Geister. Während die einen darin gefährliches Teufelszeug sehen, das den Weg zu härteren Drogen ebnet, wollen viele andere das Rauschmittel legalisieren - so wie es zum Beispiel gerade in einigen US-Staaten vorgemacht wird. Der als strenger Jugendrichter bekannte Andreas Müller kämpft seit Jahren ebenfalls für die Legalisierung. Warum, das erklärt er in seinem gerade erschienen Buch "Kiffen und Kriminalität".

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Soll der Haschisch-Konsum legalisiert werden? Die Meinungen über diese Frage gehen auseinander.

Durch eine Ohrfeige, und nicht durch einen Joint, kam Andreas Müller früh mit dem Kiffen in Kontakt - in der fünften Klasse. Jahrzehnte, bevor er als bundesweit bekannter Jugendrichter in schwarzer Robe Urteile sprechen sollte, wurde er selbst vorverurteilt - im Klassenraum, vom Erdkundelehrer: "Ich wurde geschlagen, weil mein Bruder bereits damals der stadtbekannte Kiffer war. Er wurde stigmatisiert. Er ist dann später auch in ein Schwererziehbaren-Heim gekommen und hat jahrelang Knasterfahrung gesammelt." Müllers Bruder Jonas musste immer wieder ins Gefängnis, weil er mit der Droge Cannabis gehandelt hat. Vor zwei Jahren ist er gestorben, hochgradig heroinabhängig.

Kiffer und Dealer Opfer des Drogenstrafrechts?

Die Geschichte seines Bruders war für Andreas Müller der Anlass, ein zweites Buch zu veröffentlichen. Im ersten hatte er sich mit Opfern von Jugendgewalt beschäftigt. Einige Medien bezeichnen Müller seitdem als "härtesten Jugendrichter Deutschlands". In seinem neuen Debatten-Buch "Kiffen und Kriminalität" geht es auch um Opfer. Müller ist überzeugt, dass deutsche Gerichte Millionen Jugendliche zu Unrecht zu Kriminellen machen - so wie damals seinen Bruder. Sie seien Opfer des Drogenstrafrechts: "Opfer sind auch Eltern, die Angst haben, wenn ihre Söhne oder ihre Töchter ein- oder zweimal gekifft haben, sofort abgleiten in die Gosse. Opfer sind auch weit über 500.000 überwiegend junge Menschen, die das Pech hatten, in einer falschen Wirtschaft, nämlich in einer illegalen Wirtschaft zu landen, die Cannabis als Dealer verkauft haben."

Diese jungen Menschen hätten wenig Chancen auf einen Job, wenn sie später ein "erweitertes Führungszeugnis" vorlegen müssten.

"Dieses Gesetz nützt der Gesellschaft nicht"

Müller, der früher als Jugendlicher selbst gekifft hat, ist der Meinung, dass Haschisch-Konsum nicht kriminell sein darf. Seit 1997 leitet der Strafrichter Verfahren gegen junge Angeklagte, die gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen haben. Müller hat Verständnis für sie. Er kämpft mit einem inneren Zwiespalt: "Ich halte dieses Gesetz für verfassungswidrig, ich halte es für sozialwidrig und muss es aber gleichwohl anwenden. Was mir nicht gefällt. Natürlich möchte ich Gesetze anwenden, die auch nützlich für die Gesellschaft sind. Dieses Gesetz ist auf keinen Fall nützlich für die Gesellschaft." Deshalb hat Müller das Gesetz 2002 dem Bundesverfassungsgericht zur Änderung vorgelegt - und scheiterte. 

Bundesdrogenbeauftragte warnt vor Verharmlosung

In seinem Buch "Kiffen und Kriminalität" argumentiert er, Cannabis sei keine gefährliche Droge. Das sehen viele anders. Die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) findet etwa, der Konsum werde verharmlost. Das Hauptargument, Cannabis sei eine Einstiegsdroge, weist Müller aber zurück: "Das wird seit 40 Jahren behauptet. Kein Wissenschaftler weltweit vertritt das. Das vertreten nur ideologisch geprägte Leute, die keinerlei Ahnung von der Materie haben. Wenn Cannabis eine Einstiegsdroge für Heroin wäre, dann hätten wir wesentlich mehr Heroinabhängige in der Bundesrepublik Deutschland."

Müllers Ziel ist die Stärkung des Jugendschutzes

Ein Joint liegt auf einem Cannabisblatt.  Fotograf: CHROMORANGE / Christian Ohde

Politisches Buch: "Kiffen und Kriminalität"

Der als strenger Jugendrichter bekannt gewordene Andreas Müller kämpft für die Legalisierung des Cannabis-Konsums. Warum, das erklärt er in seinem Buch "Kiffen und Kriminalität".

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Die Legalisierung von Cannabis würde auch den Jugendschutz stärken, so Müller. Denn so wie bei hochprozentigem Alkohol würde man ja die Weitergabe an unter 18-Jährige verbieten: "Im Übrigen würde eine Legalisierung dazu führen, dass der Staat die Wirkstoffgehalte begrenzen könnte. Er könnte einen Markt ganz genau kontrollieren, wie er heute auch einen Schnapsmarkt kontrollieren kann. Dann kann man sagen: Dieses Cannabis darf nur zehn Prozent haben und dieses Cannabis 15. Im Übrigen würde der Verbraucher genau wissen, was er da raucht."

Als Vorbild sieht Andreas Müller die Niederlande. Hier, so der Jugendrichter, würden weniger junge Menschen kiffen als in Deutschland. Und den vier Millionen Menschen, die hierzulande regelmäßig einen Joint rauchen, soll es anders gehen als seinem Bruder. Sie sollen keine Gefängnisstrafe zu befürchten haben.

Kiffen und Kriminalität. Der Jugendrichter zieht Bilanz

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Herder
Veröffentlichungsdatum:
8. September 2015
Bestellnummer:
978-3451312762
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 16.09.2015 | 10:20 Uhr