Stand: 29.06.2015 14:26 Uhr

Wenn Wissenschaft von Unternehmen bezahlt wird

Gekaufte Forschung. Wissenschaft im Dienst der Konzerne
von Christian Kreiß
Vorgestellt von Daniela Remus

Viele deutsche Universitäten sind auf Fremdmittel zur Finanzierung ihrer Forschung angewiesen. Große Konzerne haben dies erkannt und finanzieren gezielt Studien. Autor Christian Kreiß beschreibt in seinem Buch "Gekaufte Forschung. Wissenschaft im Dienst der Konzerne", was dies für die Forschung bedeutet.

Bild vergrößern
Die Finanzierung von wissenschaftlicher Forschung durch die Wirtschaft gehört auf den Prüfstand, meint Christian Kreiß.

Die deutschen Universitäten sind seit der Bologna-Reform immer stärker auf die sogenannten Drittmittel angewiesen, um sich zu finanzieren. Diese Drittmittel sind Gelder, die für bestimmte, zeitlich begrenzte Projekte zur Verfügung stehen. Finanziert werden sie von öffentlichen Einrichtungen, von Stiftungen oder direkt aus der Wirtschaft. Der Finanzprofessor Christian Kreiß befürchtet, dass mit diesem Prinzip die Freiheit von Forschung und Lehre bedroht ist - obwohl sie im Grundgesetz garantiert wird.

Selektive Studien-Veröffentlichungen

Stattdessen gibt es gefälschte Studien, unwahre Behauptungen und unredliche Wissenschaftler auch an unseren Universitäten, wie Finanzprofessor Kreiß herausgefunden hat. Vor allem die Tabakindustrie, die Chemieindustrie, Pharmaunternehmen und Gentechnikkonzerne sind in den letzten Jahrzehnten immer wieder als Geldgeber für gekaufte Forschung in Verruf geraten. "In der Pharmaindustrie ist es so, dass momentan circa 90 Prozent aller Studien von der Pharmaindustrie finanziert werden. Wenn wir jetzt fünf Studien mit fünf verschiedenen Patientengruppen machen, bei vier Studien kommt jetzt raus, das neue Medikament ist wirkungslos, die fünfte Studie sagt: Das Medikament ist wirksam, dann wird die fünfte Studie veröffentlicht, wird mit PR und Marketing in die Öffentlichkeit getragen und die vier anderen Studien werden einfach still und heimlich unter den Teppich gekehrt. So läuft heute ein großer Teil unserer Pharmaforschung ab, dass negative Ergebnisse einfach nicht publiziert werden müssen", sagt Kreiß.

Vereinnahmung der Forschung

Bild vergrößern
Das Buch "Gekaufte Forschung" ist beim Europa Verlag Berlin erschienen.

Das ist ein Extremfall industriegelenkter Forschung. Nicht alle Einflussnahmen sind so massiv, aber sie nehmen zu, vor allem deshalb, weil die Hochschulen chronisch unterfinanziert sind. Insgesamt bezuschusst die Wirtschaft die hiesige Wissenschaft mit 1,3 Milliarden Euro jährlich. Das ist ein Anstieg von 60 Prozent in den letzten zehn Jahren. Das Geld fließt in einzelne Projekte, in die Verschönerung von Hörsälen oder in die sogenannten Stiftungsprofessuren. Das sind Stellen, mit denen zu einem bestimmten Themenbereich geforscht werden soll: So hat die Wella AG eine Professur für Mode und Ästhetik gestiftet, die Deutsche Bahn eine für Transportwesen und die Windenergiewirtschaft bezahlt eine für Windenergie.

Dem Autor und Finanzprofessor Kreiß missfällt das: "Ich bin für ausgewogene Forschung. Und insofern muss man bei allen Fällen von Stiftungs-Professuren schauen: Wer hat die finanziert, welche Interessen stehen dahinter. Und das führt langsam dazu, dass das Wachstum unserer Forschung eben in eine bestimmte Richtung geht, dahin wo das Geld herkommt, wo das Licht herkommt gewissermaßen, da wachsen die Pflanzen hin, dort wächst die Forschung hin. Aber andere Bereiche, die für die Gesellschaft sehr, sehr relevant wären, die verdorren dann. Dadurch findet eine zunehmende Vereinnahmung der Forschung durch Wirtschaftsinteressen statt."

Menschen könnten zu Schaden kommen

Unternehmer und der industrienahe Stifterverband für die deutsche Wissenschaft sehen das erwartungsgemäß ganz anders. Sie finden, dass es noch viel zu wenig Wirtschaftsengagement in der Forschung gibt. Schließlich seien wir alle auf eine starke Wirtschaft angewiesen. Christian Kreiß hält davon nichts, wie er in seinem Buch schreibt:

"Die häufig gehörte Aussage "Was gut ist für die Industrie, ist auch gut für das Land” ist, angewendet auf die bis hierher angeführten Fälle industrie­finanzierter Hochschulforschung schlichtweg falsch." Zitat aus dem Buch "Gekaufte Forschung"

Denn dieser Ansatz lasse außer Acht, dass Menschen durch einseitig gelenkte Forschung zu Schaden kommen könnten, etwa durch umweltschädliche Gifte oder Medikamente. Dem sollten auch die politischen Gremien schnellstens Rechnung tragen, fordert Kreiß. Es sei doch zumindest merkwürdig, dass Wirtschaftsvertreter in den Hochschulräten so prominent vertreten seien, wie etwa VW-Chef Martin Winterkorn oder Siemens Vorstand Siegfried Russwurm.

Subtile Erpressung

"Die Gefahr ist nur, dass langsam, langsam von außen immer mehr Vorgaben kommen, wir werden so langsam in goldene Hamsterkäfige gesperrt, forscht doch in die Richtung, das ist dann in der Regel relativ industrienah, dann gibt es da bessere Karrierechancen, bessere Veröffentlichungsmöglichkeiten. Das ist so ein ganz subtiles System, dass wir mehr und mehr in Richtung wirtschaftsfreundliche Forschung gedrängt werden, sodass nach und nach die Wirtschaft immer größeren Einfluss gewinnt auf die Forschung", meint Kreiß. Er hat ein sorgfältig recherchiertes Buch geschrieben, in dem er alle Ebenen der wirtschaftlichen Einflussnahme auf die Forschung untersucht. Spannend, erschütternd und aufschlussreich - es kann einem angst und bange werden um die Wissenschaft.

Gekaufte Forschung. Wissenschaft im Dienst der Konzerne

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Europa Verlag
Veröffentlichungsdatum:
13. Mai 2015
Bestellnummer:
978-3-944305-72-1
Preis:
18,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 29.06.2015 | 09:20 Uhr