Stand: 07.09.2015 17:22 Uhr

Die neue Rechte greift nach der Mitte

Gefährliche Bürger. Die neue Rechte greift nach der Mitte
von Liane Bednarz Christoph Giesa
Vorgestellt von Katja Eßbach
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Besonders in Dresden hat die Pegida-Bewegung viele Anhänger.

Jeden Tag kann man im Internet hasserfüllte, wutschäumende Kommentare voller Ressentiments lesen. Sie sind sofort zur Stelle, die Alleshasser, die Menschenverachter und Empathie-Freien. Aber wie konnte es dazu kommen? Wer sind diese Menschen, die sich rechtes Gedankengut zu eigen machen? Werden sie gesellschaftsfähig? Und was kann man dagegen tun? Darum geht es in dem Buch "Gefährliche Bürger" von Liane Bednarz und Christoph Giesa.

"Nein", sagt Giesa, Deutschland steht nicht kurz vor der Übernahme durch extreme Rechte. Es gibt derzeit keine zentrale rechte Organisation, die den Umsturz plant. Aber deshalb dürfe man nicht die Augen verschließen vor einer, wie er sagt, gefährlichen Entwicklung. Giesa konstatiert einen Rechtsruck in unserer Gesellschaft, eine gut vernetzte neue Rechte. Aber was zeichnet diese neue Rechte eigentlich aus?

"Die neue Rechte grenzt sich ganz bewusst von der alten Rechten ab, von Nazis und Neonazis. Sie will aber nichtsdestotrotz ein Gesellschaftsmodell, das alles ist, was wir nicht haben und nicht wollen. Die wollen ein autoritäres Gesellschaftsmodell, ein antiwestliches, antiliberales, ein homophobes, ein fremdenfeindliches. (...) Das ist jetzt nicht offener Faschismus, aber es ist etwas, was unseren westlichen, liberalen Werten entgegensteht."

Der erste Teil des Buches ist eine Bestandsaufnahme: Wer hat unsere offene Gesellschaft eigentlich ins Visier genommen? Welche Motive und Ziele haben diese Menschen? Und verfolgen sie eine Strategie? Auf jeden Fall, sagt Christoph Giesa. Die Strategie der neuen Rechten heißt Diskurshoheit:

"Das kommt ursprünglich von einem Kommunistenführer aus Italien, Anfang des 20. Jahrhunderts. (...) Da geht es darum, bevor man eine Revolution machen kann, das Gedankengut in eine Gesellschaft einsickern zu lassen, Diskurse zu dominieren (...). Also, die wollen gezielt Leute, die sich vielleicht gar nicht als rechts empfinden würden (...), dazu bringen (...) menschenfeindliche Impulse zu verbreiten."

Detailliert beschreiben Bednarz und Giesa wie und vor allem wie weit sich das rechte Gedankengut in Deutschland bereits ausgebreitet hat. Da ist die Rede von Internetseiten, aus denen der Hass quillt, da geht es um die ominösen Reichsbürger, die im Sänger Xavier Naidoo einen Unterstützer gefunden haben, um Verschwörungstheoretiker, Putin-Versteher, radikale Christen. Sie alle eint, sagt Christoph Giesa, die Ablehnung der westlichen Werte und der etablierten Politik, der Hass gegen Minderheiten. Und natürlich gehen die Autoren ausführlich auf die Phänomene AfD und Pegida ein:

"AfD und Pegida kann man bezeichnen als Vernetzungsplattformen, ziemlich wichtige. Da trifft man sich über ein-zwei Ecken. (...) Dabei sollte man die Wichtigkeit von guten Ergebnissen und großen Versammlungen bei Pegida nicht überschätzen. Pegida hat 150.000 Facebook-Follower, die Plattform alleine ist viel wichtiger, als auf die Straße zu gehen. Um letztendlich dieses Gedankengut zu verbreiten."

"Gefährliche Bürger" von Liane Bednarz und Christoph Giesa ist eine sehr gut geschriebene, kluge Bestandsaufnahme, die ohne jeglichen Alarmismus auskommt. Die Autoren versuchen eine sehr unübersichtliche Gemengelage zu ordnen und einzuordnen. Sie schlagen einen Bogen von den 1920er-Jahren bis in die Gegenwart; zeigen, wie sich Argumentationen von damals heute wiederholen. Und wie sich Menschen, oft ohne nachzudenken, rechtes Gedankengut zu eigen machen und weiter verbreiten. Am Schluss mahnen sie zu Wachsamkeit und Widerstand:

"Es ist tatsächlich wichtig dass wir nicht glauben: Die Politik wird’s schon richten. (...) Wir müssen die Augen offen halten. (...) Und Hass sollte man sich auch dadurch entgegensetzen, dass man ihm gar nicht erst die Chance gibt sich zu erklären, sondern dass man sagt: Nein, an dieser Stelle diskutiere ich mit dir nicht weiter."

Gefährliche Bürger. Die neue Rechte greift nach der Mitte

von
Seitenzahl:
220 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Hanser
Veröffentlichungsdatum:
24. August 2015
Bestellnummer:
ISBN 978-3-446-44461-4
Preis:
17,90 €

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NDR Info | Buchtipp | 24.08.2015 | 09:08 Uhr