Stand: 17.11.2017 08:00 Uhr

Eine Hommage an den großen Scorsese

Martin Scorsese - Sein Leben, seine Filme
von Tom Shone
Vorgestellt von Guido Pauling
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Faszinierende Bilder zeigen das Filmschaffen des großen Regisseurs Martin Scorsese - und seine ambivalente Beziehung zum Film.

Am Filmset in Hollywood ist er häufig der Kleinste - und doch hören alle auf ihn. Martin Scorsese, der schmächtige, von Asthma geplagte Enkel italienischer Einwanderer gilt heutzutage als einer der wichtigsten Regisseure Hollywoods. Er hat aus jungen, vollkommen unbekannten Schauspielern wie Harvey Keitel und Robert De Niro große Stars gemacht. Als man glaubte, nach Coppolas "Der Pate" ginge nichts mehr, hat Scorsese das Genre Mafiafilm mit einer ganzen Trilogie weiterentwickelt: "Mean Streets", "Good Fellas" und "Casino" sind Klassiker geworden. Dafür wissen wohl nur wenige, dass er sich auch mit einem Kostümfilm, einem Musical und einem spirituellen Werk über den Dalai Lama versucht hat.

Am 17. November wird der kleine große Mann, der in seinen Filmen Pop- und Rocksongs einsetzt wie eine Jukebox, 75 Jahre alt. Der gerade erschienene Bildband "Martin Scorsese: Sein Leben, seine Filme" wirkt da wie eine Hommage.

Scorseses Welt

Scorsese als Priester?

Schuld und Erlösung, Gewalt und Tod, Verlust und Sehnsucht: Das sind seine Themen. Ein Priester im ländlichen Italien wüsste dazu etwas zu sagen; er würde das Leben der einfachen Leute kennen - wie auch das von der Mafia geprägte Leben. Martin Scorsese kennt all dies ebenfalls; beinahe wäre aus ihm sogar ein Priester geworden. "Mit 15 war ich im Priesterseminar", sagt der Regisseur. "Viele katholische Jungs wollen zunächst Priester werden, aber dann entdeckt man auf einmal die Welt."

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Er gilt als einer der wichtigsten Regisseure: der Enkel italienischer Einwanderer Martin Scorsese.

Auf einem der ersten Schwarzweiß-Bilder des Bandes sieht der Mittfünfziger Scorsese den Betrachter direkt an, mit wehmütig-wissendem Blick, gleichermaßen melancholisch wie illusionslos. Wer ist dieser Mann? Italo-amerikanischer Star-Regisseur? Sizilianischer Geistlicher? Schwer zu sagen. Er trägt ein schlichtes graues Hemd, das dünner werdende Haar ist straff zurückgekämmt, die buschigen schwarzen Augenbrauen bilden zwei kräftige Diagonalen im Gesicht. Hinter ihm im Raum, über seiner linken Schulter, hängt ein Kruzifix.

"Ich habe sehr viele Filme gesehen, das Kino wurde mein Zufluchtsort," so Scorsese. "Da hat man mich als Kind andauernd hingeschleppt und geparkt, denn wegen meines Asthmas konnte ich mit Sport nichts anfangen. Aber das hat mich auf die Idee gebracht, ich könnte ja vielleicht mal einen Film machen…"

Vom Kleinsten zum großen Scorsese

Schon von dem Studenten der New York University Film School gibt es erste Aufnahmen: Anfang der 60er-Jahre am Strand, neben einer Filmkamera, umringt von kräftig-maskulinen Jungschauspielern - Martin ist der Kleinste in der Gruppe und steht doch eindeutig im Zentrum. Zwölf Jahre später zeigt der Regisseur von "Taxi Driver" seinen Schauspielern, welche Gesten er sich beim Massaker im Stundenhotel vorstellt: Auf dem schäbigen abgewetzten Teppichboden in einer Zimmerecke liegend, führt Scorsese erklärend den rechten Zeigefinger und die linke Hand an die Schläfe und sein bärtiges Kinn.

Bei "Shutter Island" von 2010 ist es wieder der inzwischen weißhaarige Regisseur mit der markanten schwarzen Hornbrille, der freundlich, aber bestimmt sagt wo's langgeht: Im Hintergrund des Raumes stehend gibt er Ben Kingsley und Leonardo DiCaprio klare Fingerzeige, wie sie sich aufzustellen haben. Solche kurzen Einblicke in die Dreharbeiten sind nicht einmal die stärksten Aufnahmen des Bildbands - die großformatigen Szenenfotos aus Scorseses Filmen kommen natürlich bildgewaltiger daher. Aber die Schnappschüsse beim Drehen zeigen den Regisseur als einen Mann, der einfach tun muss was er da tut. "Naja, ich bin nun einmal so, man könnte es Trieb nennen oder Eigensucht," sagt er über sich selbst. "Ich habe einfach Filme gemacht. Manchmal ohne Rücksicht auf irgendetwas sonst in meinem Leben, was wahrscheinlich nicht das Beste war. Aber es ist wie eine Obsession!"

Faszinierende Mafia-Visagen

Man blättert sich durch das gesamte Filmschaffen Scorseses, fasziniert von den Mafia-Visagen der "Good Fellas" Robert De Niro, Joe Pesci und Ray Liotta, von dem zerschlagenen Boxergesicht De Niros in "Raging Bull" und dem dämonischen Blick von Gangsterboss Jack Nicholson aus "The Departed". Manche Fotos dürften sogar diejenigen Betrachter beeindrucken, die Scorseses Filme nicht gesehen haben: Willem Dafoe als Jesus mit Dornenkrone etwa in "Die letzte Versuchung Christi". Der kleine Hugo Cabret, versteckt hinter dem Zifferblatt der gewaltigen Bahnhofsuhr.

Dass die Texte kapitelweise zu jedem Film kaum einmal das Niveau eines Wikipedia-Artikels übersteigen ist schade, aber verschmerzbar. Immerhin erfährt der Leser hier neben den Hochglanzbildern, dass längst nicht jedes Werk Scorseses ein Erfolg war und dass der Regisseur seine Arbeit liebt - aber auch hasst.

Weitere Informationen

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Martin Scorsese - Sein Leben, seine Filme

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Knesebeck Verlag
Bestellnummer:
978-3-86873-687-8
Preis:
49,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 16.11.2014 | 17:40 Uhr

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