Stand: 05.10.2017 13:16 Uhr

Die Nebel des Vergessens

Der begrabene Riese
von Kazuo Ishiguro, aus dem Englischen von Barbara Schaden
Vorgestellt von Jan Ehlert

Der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an Kazuo Ishiguro. Das teilte die Schwedische Akademie in Stockholm mit.

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Für seinen Roman "Was vom Tage übrigblieb" wurde Kazuo Ishiguro mit dem Booker Prize ausgezeichnet.

Der britisch-japanische Autor Kazuo Ishiguro lässt sich nicht auf ein Genre festlegen. Er hat einen Science-Fiction-Roman geschrieben: "Alles, was wir geben mussten", eine Detektivgeschichte: "Als wir Waisen waren" und in "Die Ungetrösteten" tauchte er ein in die Welt des magischen Realismus eines Gabriel García Márquez. Ein Vielschreiber ist Ishiguro jedoch nicht: Über zehn Jahre ist es her, dass ein Roman von ihm veröffentlicht wurde. 2015 ist endlich wieder ein neues Buch erschienen - und wieder entdeckt Ishiguro darin ein neues Genre für sich: das Genre der Fantasy. "Der begrabene Riese" heißt der Roman, der im Blessing Verlag erschienen ist.

Aus der Zeit gefallen

Endlose, menschenleere Weiten, felsiges Bergland, ein eisiger Nebel, der über den Flüssen und Sümpfen schwebt: Es ist eine gefährliche, feindliche Welt, die Kazuo Ishiguro in seinem neuen Roman heraufbeschwört. Es ist das England des 5. Jahrhunderts. Eine Welt kurz nach dem Abzug der Römer. Eine Welt, in der Drachen, Kobolde und Menschenfresser ihr Unwesen treiben. Die wenigen Menschen haben sich in fuchsbauähnliche Wohnungen in den Hügeln zurückgezogen - wie aus der Zeit gefallen leben sie dort, ohne Zukunft und ohne Vergangenheit.

"Es wurde in dieser Gemeinschaft kaum über frühere Zeiten gesprochen. Das soll nicht heißen, die Vergangenheit sei tabu gewesen. Es soll heißen, dass sie aus irgendeinem Grund in einem Nebel versunken war, der so dicht war wie die Dampfschwaden über den Sümpfen. Es kam diesen Menschen einfach nicht in den Sinn, über Vergangenes nachzusinnen - nicht einmal über das, was erst vor Kurzem passiert war." Leseprobe

Was verbindet zwei Menschen?

Doch wie kann man zusammenleben ohne gemeinsame Geschichte? Was verbindet zwei Menschen, wenn nicht die Erinnerungen an das, was man gemeinsam erlebt hat? Vor dieser Frage steht das alt gewordene Ehepaar Axl und Beatrice. Beide sind Außenseiter in ihrem Dorf, alles, was sie haben, ist ihre Liebe. Doch auch sie droht in Vergessenheit zu geraten.

"Wie kann unsere Liebe welken? Ist sie nicht heute viel stärker als früher, als wir jung und dumm waren? - Aber Axl, wir erinnern uns doch gar nicht an unsere Jugend. Oder an die Jahre seither. Wir erinnern uns weder an erbitterten Streit noch an kostbare kleine Momente des Glücks. Ich frage mich, ob die Liebe ohne unsere Erinnerungen nicht unweigerlich vergehen und schließlich sterben wird? - Das würde Gott niemals zulassen, Prinzessin. Axl sagte es leise, fast flüsternd, denn jetzt fühlte er selbst eine namenlose Furcht in sich aufsteigen." Leseprobe

Also machen sich Axl und Beatrice auf zu einer Reise ins Ungewisse. Fort von ihrem Dorf, hin zu ihrem Sohn, von dem sie nicht wissen, ob er überhaupt lebt oder warum er sie verlassen hat. Und langsam kommen die Erinnerungen zurück - und damit nicht nur die Liebe, sondern auch der Schmerz.

Griff in den britischen Sagenschatz

Aus der berührenden Erzählung über das Schicksal zweier alter Menschen wird ein überwältigendes Epos über kollektives Gedächtnis und kollektives Verdrängen. Soll man die Wunden der Vergangenheit ruhen lassen oder die Erinnerung an schmerzvolle Niederlagen wachhalten? Um das zu illustrieren, greift Ishiguro tief in den Sagenschatz der britischen Literatur: lässt Ritter Gawain aus der Artussage auferstehen, Shakespeares King Lear das Wort ergreifen und einen ominösen Krieger als Retter auftreten, der deutlich an den Krieger Beowulf erinnert.

"Er konnte nicht älter als dreißig sein, strahlte aber eine weithin spürbare, selbstverständliche Autorität aus. Schlicht gekleidet wie ein Bauer, sah er doch ganz anders aus als die übrigen Dorfbewohner. Es war nicht nur die Art, wie er sich den Umhang über eine Schulter geworfen hatte, sodass sein Gürtel und das Heft seines Schwertes zu sehen waren … Was diesen Mann von seiner Umgebung so sehr unterschied, war die Haltung, sein ganzes Auftreten, seine Art, sich zu bewegen. Er mag noch so sehr versuchen, sich als gewöhnlicher Sachse auszugeben, dachte Axl, er ist doch ein Krieger. Und vielleicht einer, der, wenn er will, große Verwüstung verursachen kann." Leseprobe

Märchenhaft und hochaktuell zugleich

Solch eine märchenhafte Aura schwebt über jeder Figur und jeder Handlung: Wenn fleischfressende Vögel Mönchen die Augen auspicken, Kobolde geliebte Seelen stehlen wollen und ein Fährmann nur diejenigen über den Fluss bringt, die zu wahrer Liebe fähig sind, dann erzählt Ishiguro eben nicht nur von längst vergangenen Zeiten, er spielt mit der Erinnerung der Sagen und Legenden, die unsere Zivilisation begründet haben und die ebenfalls mehr und mehr im Nebel des Vergessens versinken.  

Gleichzeitig aber ist es ein hochaktuelles Buch: Denn die Frage, wie das Gedenken an brutale Kriege und die Schrecken jahrtausendealte Völkerfeindschaften hochgehalten werden soll, stellt sich in Zeiten eines bröckelnden europäischen Zusammenhalts mehr denn je. Die Vergangenheit, die Jahrhunderte voller Gewalt und Mord, sie ist Ishiguros unheilvoller Riese - der zwar begraben liegt, aber man sollte sehr vorsichtig sein, dass man ihn nicht in seiner Totenruhe stört.

Der begrabene Riese

von
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Blessing Verlag
Bestellnummer:
978-3-89667-542-2
Preis:
22,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.09.2015 | 12:40 Uhr

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