Stand: 14.10.2015 17:40 Uhr

Der Buchumschlag als Gesamtkunstwerk

Buchumschläge in der Weimarer Republik
von Jürgen Holstein
Vorgestellt von Benedikt Scheper

Sie zeigen auf einen Blick, worum es geht, wer es geschrieben hat und mit einem Bild das Thema des Buches: Cover. Sie spielen bis heute eine zentrale Rolle im Verkauf, so dass Verlage schon immer großen Wert auf das äußere Erscheinungsbild legten. In der Zeit der Weimarer Republik blühte die Kunst der Cover-Gestaltung auf, wie der neue Bildband "Buchumschläge in der Weimarer Republik" zeigt.

Experimentelles und avantgardistisches Design

Es war die Zeit aufkeimender Demokratie und doch wehte noch der militärische Geist des wilhelminischen Zeitalters durch die Weimarer Republik - mit sonderbaren gesellschaftlichen Entwicklungen, wie Kurt Tucholsky in seinem Werk "Deutschland Deutschland über alles" beschreibt.

Eindrucksvolle Cover von John Heartfield

Schon die Umschlaggestaltung von John Heartfield verrät viel über das von Tucholsky porträtierte Deutschland: Ein dekonstruktivistisch zusammengesetztes satirisches Gesicht des Deutschen, mit Zylinder über der Pickelhaube, links den weißen Stehkragen, rechts noch Kragenspiegel und der Orden "Pour le Mérite" über der Krawatte. Das neue Deutschland überdeckt das alte jedoch nicht vollständig. Auf der Rückseite eine weitere Montage mit Schlagstock und Säbel.

Die satirisch scharfe Zeichnung ist laut Herausgeber Jürgen Holstein: "...das gelungenste Beispiel gegenseitiger Ergänzung von Text und Fotomontage. (...) Im Druck greifen die alten und die neuen Nationalfarben, Schwarz-Weiß-Rot und Schwarz-Rot-Gold, respektive Gelb, ineinander. (...) Es ist die berühmteste buchkünstlerische Arbeit Heartfields."

Die Wirtschaftskrise - ein großes Thema

Heartfield zeichnete auch für zahlreiche weitere Meisterwerke der Zeit verantwortlich, insbesondere die Wirtschaftsbücher Upton Sinclairs. Menschen laufen dem Geld hinterher, endlose Zahlenkolonnen winden sich um die Buchstaben. Eindrucksvoll das ironische Bild der Aktienhändler in "So macht man Dollars", bei dem das S ein großes Dollarsymbol ist: "...an dem drei Börsianer, sich gegenseitig tretend und behindernd, hinaufklettern. Der Dollar ist wie die Versalien des Titels goldfarben. Golden ist auch das Kalb einer Dollarnote anstelle des üblichen Präsidentenportraits auf der Rückseite: Es wird von Börsianern angebetet, die sich außerdem eine Börsenschlacht liefern", schreibt Holstein.

Nummern werden auf den Umschlägen zu Hochhäusern, doch diese fallen in den 20er-Jahren zusammen, so dass sich auch Themen wie Massenverarmung und soziale Missstände aufgrund der Wirtschaftskrise in dem Band finden.

Der Umschlag von Alfred Döblins Meisterwerk "Berlin Alexanderplatz" zeichnet sich ebenfalls durch eine bildliche Spiegelung des Inhalts aus. Während der Autor Personen, Geschichten und Räume sowie unterschiedliche Jargons elegant zu einem Erzählteppich verwebt, kreiert Gestalter Georg Salter durch verschiedene Schriften und Zeichnungen eine Collage.

Von politischen Fachwerken bis zu Klassikern der Belletristik

Thomas Manns Erstausgabe von Mario und der Zauberer sticht dabei gestalterisch heraus: Wild geschwungen ziert weiße Schrift den dunkelblauen Pappdeckel. Das Z des Zauberers fließt immer weiter, der Zauberer selbst wirkt wie eine mystische Gestalt, spannend und doch unheimlich. Der in den zwanziger und dreißiger Jahren gefragte Buchillustrator Hans Meid zeigt dem potentiellen Leser mit seinem puristischen Design, worum es in der Novelle geht: Anziehung und Verführung, die Magie des Demagogen.

Die wurde dann auch vielen jüdischen Gestaltern zum Verhängnis und beendet abrupt die Zeit des experimentellen und avantgardistischen Designs, das erst 1900 in Deutschland begonnen hatte. "Der liberale, aufklärerische, international gesinnte Zeitgeist (...) wurde ab 1933 zertrampelt, verbrannt, ihre Schöpfer verfolgt oder aus dem Land getrieben", erklärt der Autor.

Kunst und Design, Fantasie und Innovation verschmelzen in dieser Epoche zu gestalterischen Gesamtkunstwerken. Herausgeber Jürgen Holstein hat in akribischer Recherche die schönsten und interessantesten zusammengetragen. 450 Seiten mit rund 1.000 Beispielen kreativer Kraft während Deutschlands erster Demokratie unterstreichen die damalige Vielfalt sowohl des Inhalts als auch der Grafik, Schriften und Illustrationen.

Buchumschläge in der Weimarer Republik

von
Seitenzahl:
452 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Taschen
Bestellnummer:
978-3-8365-4980-6
Preis:
49,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 18.10.2015 | 17:40 Uhr