Stand: 11.05.2017 16:50 Uhr

"Mein Bruder Che" - ein Buch gegen den Mythos

Mein Bruder Che
von Juan Martín Guevara
Vorgestellt von Anne Herrberg

Wehendes Haar, schütterer Bart. Auf dem Kopf thront die schwarze Baskenmütze mit roten Stern. Der Blick schweift in die Ferne. Jeder kennt das Porträt. Che Guevara, Revolutionär, Erlösergestalt, Mythos. "Ich habe mir zum Ziel gesetzt, diesen Mythos zu zerstören, und meinem Bruder wieder ein menschliches Antlitz zu geben." Darum hat Juan Martín Guevara das Buch "Mein Bruder Che" geschrieben.

Starres Bild von der Wand nehmen

Bild vergrößern
Auf dem Cover des Buches über seinen Bruder Ernest "Che" Guevara ist natürlich: Che - und nicht Autor Juan Martín Guevara.

50 Jahre nach dem Tod seines 15 Jahre älteren Bruders Ernesto, über den die ganze Familie jahrzehntelang geschwiegen hatte. "In meinem Fall war es ein erzwungenes Schweigen. Ich wurde während der dunklen Jahre während der argentinischen Militärdiktatur wegen meiner politischen Gesinnung und auch wegen meines Nachnamens gefangen genommen. Fast acht Jahre war ich im Gefängnis. Heute sehe ich es als eine Verantwortung, der Bruder von Che zu sein. Für mich besteht sie darin, ihn als starres Bild von der Wand zu nehmen und sein Denken in einen Kontext zu stellen."

So schreibt Juan Martin, heute selbst Mitte 70, über die Familie. Die Eltern, die zwar aus reichem Hause kamen , aber immer am Hungertuch nagten. Der Vater ein Traumtänzer voller Abenteuerlust, der vom einem wirtschaftlichen Ruin in den nächsten schlitterte. Die Mutter ein Freigeist, die gleichzeitig voller Sorge um den späteren Guerrillero Ernesto, der wegen seiner Asthmaerkrankung immer eine Sonderstellung einnahm und gern im Mittelpunkt stand.

Er deklamierte Flaubert auf Toilette

Er liebte es, die anderen zu provozieren. So erfährt man persönliche Anekdoten, wie die, dass Ernesto sich oft stundenlang mit einem Buch auf dem Klo verschanzte und lautstark anfing, Flaubert oder Beaudelaire zu deklamieren, wenn jemand ihn aufforderte, endlich herauszukommen. Man darf keine kritische Biografie erwarten; keinen neuen Blick auf den Kampf des wohl berühmtesten Revoluzzers. Für Juan Martín bleibt Che Guevara immer der Bruder. Ein Humanist, wie er schreibt, der an den Kampf glaubte. "Der Che ist nicht neutral. Du liebst ihn, oder du hasst ihn. Dazwischen gibt es wenig. Journalisten sagen mir immer, ‚aber der Che war doch ein Mörder. Brutal. Er hat Menschen auf dem Gewissen'. Ich selbst war bei einem der Prozesse gegen die Schergen der Diktatur in Kuba. Das waren die Mörder. Nicht die, die über sie gerichtet haben."

"Es wird immer neue Ches geben"

Zu Beginn der Revolution war Juan Martín gerade mal 15 Jahre alt. Der Vater verbot ihm, an der Seite seines Bruders für die Revolution zu kämpfen. Er ging seinen eigenen Weg, der immer mit dem des Che verknoten blieb. Er brach in Argentinien die Schule ab, trat in die Revolutionäre Arbeiterpartei ein, geriet in Gefangenschaft, erlebte mehrere poltische und wirtschaftliche Krisen in Lateinamerika. So ist es vor allem Juan Martíns eigene Geschichte, die das Buch interessant macht: Wie es ist, und was es heute noch bedeutet, der Bruder des Che Guevara zu sein. "Zu sagen, Che sei ein Gescheiterter, kommt nicht von ungefähr. Dahinter steckt eine Message an die Jugend. 'Wandel ist nicht möglich. Der Kapitalismus, so wie er ist, ist der einzige Weg, akzeptiere ihn. Kämpfe nicht gegen Ungerechtigkeiten. Denn du wirst scheitern - wie der Che'. Gerade sieht es ziemlich düster aus. Aber ich bin sicher, es wird immer neue Ches geben."

Seiten eines Kalenders © fotolia.com Fotograf: naftizin

Die Guerillakämpferin Tamara Bunke

NDR Info ZeitZeichen

Stichtag 19. November 1937: Der Geburtstag der Guerillakämpferin Tamara Bunke

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Mein Bruder Che

Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Tropen
Veröffentlichungsdatum:
9. Mai 2017
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 09.05.2017 | 14:20 Uhr