Stand: 08.09.2015 13:30 Uhr

Reise zum Mittelpunkt des Menschseins

Eigentlich müssten wir tanzen
von Heinz Helle
Vorgestellt von Tabea Soergel

Im vergangenen Jahr erschien das Romandebüt des jungen deutschen Autors Heinz Helle: "Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin". Darin vermaß er die Grenzen des Denkens und der Einsamkeit. Nun hat er mit "Eigentlich müssten wir tanzen" ein noch radikaleres Buch vorgelegt, einen Roman über einen fiktionalen Klassiker: die Apokalypse. Damit hat er es soeben auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft.

Deutscher Buchpreis 2015: Die Longlist

Poesie der Postapokalypse

Fünf Freunde stapfen nach einem Wochenende auf einer abgeschiedenen Berghütte durch das verschneite, buchstäblich ausgestorbene Tiroler Alpenvorland. Etwas hat in ihrer Abwesenheit die Zivilisation ausgelöscht. Sie stoßen nur noch auf Relikte, die sich schon so kurz nach dem Untergang in ihrer nackten Nutzlosigkeit offenbaren - wie etwa eine Autobahn ohne jedes Auto.

"Die Tannen hinter der Leitplanke stehen merkwürdig weit auseinander. Normalerweise ist das eine grüne, verschwommene Wand. Wir gehen weiter. Wie weit der Asphalt zwischen den Spurstreifen ist. Wie rau der Asphalt." Leseprobe

Heinz Helle erzählt angenehm sachlich, stellenweise unterkühlt von der Postapokalypse, in wissenschaftlich präziser, rhythmischer Sprache, die gerade durch ihre Kargheit eine große Poesie entfaltet.

Nüchterne Schilderung roher Gewalt

Bild vergrößern
Heinz Helle, geboren 1978, hat in München und New York Philosophie studiert.

Das Überleben der fünf Männer ist von Hunger, Erschöpfung und Monotonie bestimmt. Ihr Ziel ist die deutsche Grenze, obwohl sie nicht wissen, was sie dort erwartet. Diese Passagen beziehen ihre Spannung aus einem latenten Gefühl der Bedrohung. Unterbrochen werden sie von Rückblenden in die Zeit vor der namenlosen Katastrophe - und von wenigen Ausbrüchen roher Gewalt, die in ihrer nüchternen Schilderung nur schwer zu ertragen sind. Beispielsweise als die Freunde einen Fremden ermorden.

"(...) in unseren Fäusten die Waffen, Werkzeuge, mit denen man Häuser bauen könnte, Stühle und Tische, an denen man Mahlzeiten einnehmen könnte oder universelle Werte errichten, und die Fäuste mit den Werkzeugen fallen mitten in sein Gesicht, auf die weißen Wangen, die Stirn, in die plötzlich aufklaffenden Löcher, die sich erst mit den weit geöffneten Augen verbinden und dann miteinander zu einem einzigen dunklen Abgrund, an dessen Ende das eine, endgültige Grau wartet, das uns alle verbindet, bis auch das zerteilt ist und fortgetragen, von Fliegen und Ameisen, verfüttert an Larven, verdaut und wieder ausgeschieden, so also sieht ein Gehirn aus." Leseprobe

Härte und Humor

Dem gegenüber stehen hochkomische Szenen. Da öffnen die Männer mithilfe eines alten Kühlschranks mühsam einen im Wald gestrandeten Frachtcontainer und finden darin: lauter Kühlschränke. Diese Kluft zwischen Härte und Humor ist gewagt, doch gelingt es Helle, die Schwere momentweise aufzuheben, ohne sie zu verraten, im Gegenteil: Die Düsternis wirkt nach dem kurzen Lichtschein bloß noch undurchdringlicher. Die Schwermut, die sich die Protagonisten im Kampf ums Überleben nicht mehr leisten können, überträgt sich stattdessen auf den Leser.

"Wir lassen die Arme hängen und horchen auf die Schritte des Vordermanns. Sie klingen sanft, vorsichtig, ungenau, sie haben kein Ende und keinen Anfang. Unsere Füße streifen über den weichen Waldboden. Wir heben sie nicht mal mehr richtig hoch. Wir streicheln die Oberfläche des Planeten, als wollten wir uns mit ihm versöhnen." Leseprobe

Literarischer Horrortrip

"Eigentlich müssten wir tanzen" beeindruckt auch durch seine Konsequenz: Helle exerziert alles durch, was in seiner existenziellen Versuchsanordnung angelegt ist, bis hin zum Kannibalismus. Er tut dies ohne jede Sensationslust, ruhig und unaufgeregt.

Irgendwann erreichen die Überlebenden tatsächlich die Grenze, doch führt dies nicht etwa zu ihrer Rettung, sondern zum ersatzlosen Verlust ihres einzigen vagen Ziels. So verwandelt sich der literarische Horrortrip auch in eine Reise zum Mittelpunkt des Menschseins.

Je länger die Männer unterwegs sind, je hoffnungsloser ihre Lage ist, je weiter sich ihre Zahl dezimiert, desto drängender wird eine Frage: Warum machen sie trotzdem immer weiter? Eine mögliche Antwort darauf lautet: weil so der Mensch nun einmal funktioniert. Ein kleiner Trost, immerhin.

Eigentlich müssten wir tanzen

von
Seitenzahl:
173 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42493-3
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 10.09.2015 | 12:40 Uhr