Stand: 23.10.2015 12:40 Uhr

Eine Stadt als Feind

Seekrank in München
von Hallgrímur Helgason, aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig
Vorgestellt von Tobias Wenzel
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Hallgrímur Helgason besuchte nach dem Studium an der Hochschule für Kunst und Kunstgewerbe in Reykjavík für ein Jahr die Kunstakademie in München.

In Deutschland hat sich Hallgrímur Helgason vor allem als Schriftsteller einen Namen gemacht, besonders mit seinen schwarzhumorigen Romanen "101 Reykjavík", "Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen" und mit "Eine Frau bei 1000°". Dass Helgason aber auch ein erfolgreicher Maler ist, wissen wenige. Jetzt stößt er seine Leser geradezu auf diese künstlerische Seite, mit seinem ersten autobiografischen Roman "Seekrank in München". Das Buch über einen isländischen Kunststudenten, der an der Stadt München scheitert, ist nun auf Deutsch erschienen.

Krank vor Heimweh

"Einsamkeit ist das Gefühl, das mir zuerst in den Sinn kommt, wenn ich an meine Zeit in München denke. Es war schrecklich. München wurde zu meinem Feind." Hallgrímur Helgason erinnert sich an das schwierigste Jahr seines Lebens. Das hat er nun in dem schrägen Roman "Seekrank in München" verarbeitet.

Ein junger Isländer, der auch noch "Jung" heißt, kommt Anfang der 80er-Jahre nach München, um dort Malerei zu studieren. Jung spricht kein Deutsch, hat zuvor noch nie Bier getrunken. Nicht nur auf dem Oktoberfest ist ihm übel, sondern überhaupt und immer in München. Als wäre er ein isländischer Vulkan, speit er eine heiße, schwarze Materie.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Einmal mehr überzeugt Hallgrímur Helgason mit seiner schier grenzenlosen Fantasie und seinem abseitigen und bösen Humor. Wir verfolgen Jungs vergebliche Versuche, sich in München einzurichten. Aber mögliche Freunde und mögliche Liebschaften scheinen sich von Jung angewidert abzuwenden, sobald sie die schwarze, schnell verklumpende Materie sehen, die er spuckt. Die versucht er einmal in einer Mülltüte verschwinden zu lassen:

Der junge Mann riss sich aus seinen Gedanken und blickte über die Schulter zurück zu der Bank. Sollte er den Klumpen nicht doch wieder an sich nehmen? Vielleicht ließ er sich für ein Kunstwerk verwenden. Vomito d'artista? Leseprobe

Da ahnt der Antiheld, dessen Gott Marcel Duchamp ist, noch nicht, dass das erbrochene Kunstwerk nicht nur einen Feueralarm auslöst, sondern den jungen Isländer auch noch vorübergehend ins Gefängnis bringt.

Hassliebe zu München

"Seekrank in München" ist die wunderbar aberwitzige Geschichte des Scheiterns an einer fremden Stadt. Gleichzeitig gelingt es Helgason, die absurde Zeit des Kalten Krieges einzufangen, die München und Reykjavík, diese grundverschiedenen Städte, dann doch verbindet.

München ist mittlerweile für den in Reykjavík lebenden Autor und Maler Helgason alles andere als ein Feind: "Weißbier ist heute mein liebstes Bier. Das trinke ich, wenn ich nach München komme, ich esse Brezeln und sehe mir ein Bayern-Spiel an. Heute liebe ich München schon fast. Das war aber ein therapeutischer Weg bis dahin. Mit diesem Buch habe ich mich selbst geheilt und von meinem Hass auf München befreit."

Anders gesagt: Hallgrímur Helgason hat mit diesem tragikomischen Roman seinen Hass auf München ausgespuckt wie seine Romanfigur Jung die schwarze Materie.

Seekrank in München

von
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Klett Cotta
Bestellnummer:
978-3-608-50151-3
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.10.2015 | 12:40 Uhr