Stand: 16.02.2015 14:00 Uhr

Post aus San Cataldo

Fünf Viertelstunden bis zum Meer
von Ernest van der Quast, aus dem Niederländischen von Andreas Ecke
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Genau die richtige Lektüre für einen entspannten Tag am Strand: "Fünf Viertelstunden bis zum Meer".

Es ist ein interessanter Autor, den der Mare Verlag jetzt entdeckt hat: Ernest van der Kwast. Er ist in Bombay geboren, halb indischer, halb niederländischer Herkunft, lebt in Südtirol - und von allem ist etwas zu entdecken in seiner nur 96 Seiten langen Geschichte über eine unerfüllte Liebe und die Entdeckung des Bikinis: "Fünf Viertelstunden bis zum Meer".

Die Liebe seines Lebens

Ernest van der Kwast hat diesen manchmal jubelnden, weichen Ton, den es in der indischen Literatur gibt und das bisweilen etwas Pompös-Ruppige der niederländischen Dichtung. Und seine Geschichte spielt zur Hälfte in Südtirol. Ein Mann, der dort sein Arbeitsleben lang Äpfel gepflückt hat, bekommt Post aus San Cataldo, dem östlichen Ufer von Italiens Stiefelabsatz. Auf seine Weise hat er immer auf diesen Brief gewartet, ohne wirklich damit zu rechnen. Er kommt von Giovanna, seiner großen Jugendliebe:

"... als Giovanna in ihrem zweiteiligen Badeanzug über den Strand von San Cataldo ging und die Seeluft ihren Nabel streichelte, verzauberte sie Ezio Ortolani für sein ganzes Leben." Leseprobe

Giovanna hat nicht etwa 1945 schon einen zweiteiligen Badeanzug, weil sie der modischen Avantgarde angehört, sondern, weil ihre Familie arm ist und sich fünf Schwestern um den einzigen Badeanzug so gezankt haben, dass er zerrissen wurde.

Ein Stern am Strand von San Cataldo

Giovanna ist von einer sinnlichen, rätselhaften Schönheit, gepaart mit einem über ellenlangen Beinen hoch getragenen Kopf - und wenig Ehrgeiz zu gefallen. Vielmehr erscheint es ihr selbstverständlich, dass sie gefällt.

Schönheit als Glück und Verhängnis, ein gefährlich flackernder Stern am Strand. Sobald ihr ein Mann seine Liebe erklären möchte, geht diese Undine zum Wasser und taucht länger als alle ihre vier Schwestern zusammen. Sie lockt und verlockt ohne Wunsch - und schon gar nicht mit dem Ziel, geheiratet zu werden. Und bringt die jungen Männer zum Träumen. Wie Aphrodite steigt sie aus dem Meeresschaum und lässt Ezio aus ihrem Nabel trinken.

Das ist alles köstlich, haarscharf am Kitsch entlang gesegelt. Ernest van der Kwast entsüßt seinen Text gekonnt mit Melancholie und Einsamkeit.

Ein einsamer, talentierter Apfelpflücker

Zweimal hat Ezio um ihre Hand angehalten, dann geht er in die Fremde, nach Tirol. Er wird Apfelpflücker und lernt das Fingerspitzengefühl und die Behutsamkeit, die zum Ernten der Früchte erforderlich sind. Außerdem ist er ein Naturtalent im Obstbaumschnitt:

"Ezio Ortolani hatte die Gabe, zu sehen und zu fühlen, welche Äste entfernt werden mussten und welche nicht. Es war, als würde er in den Apfelbäumen etwas von sich selbst wiedererkennen, als wären die Äste die Fortsetzung seiner Arme, in denen er Giovanna gehalten hatte. Er wusste, wie viel man verlieren konnte." Leseprobe

Ezio ist arbeitsam und bescheiden. Er wird nie heiraten.

"Alles hatte er getan, um die schöne Giovanna für sich zu gewinnen, Aber es war nicht genug gewesen. Liebe lässt sich nicht aufdrängen." Leseprobe

Ein Wiedersehen

Giovanna hat im Gegensatz zu ihm ein ruhelos Leben geführt, getrieben von Lebenshunger, eingesperrt in ihrer eigenen Schönheit. Als alte Frau schreibt sie Ezio, dass sie ihn wiedersehen will.

Uns Lesern ist ein bisschen bang vor dieser Begegnung. Weißes, wehendes Haar auf dem Bahnsteig. Ich will den Schluss nicht verraten, aber manche Menschen können offenbar etwas sehen, das für andere nicht mehr zu sehen ist. So viel steht fest. Und es ist das alte Geheimnis, dass derjenige, der liebt und sich sehnt, glücklicher dran ist, als der, der sich entzogen hat.

Auf dem Buchumschlag sind sehr schöne, schmale Füße und grazile lange Beine unter einem Bikini hingestreckt. Und so ist dieses kleine Buch zu lesen: in der Sonne liegend. Bisweilen dürfen Sie über das Wasser blinzeln und "Ach, Rudolf" oder einen anderen Vornamen ihrer Wahl seufzen.

Fünf Viertelstunden bis zum Meer

von
Seitenzahl:
96 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Mare
Bestellnummer:
978-3-86648-205-0
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.02.2015 | 12:40 Uhr