Stand: 09.11.2015 11:00 Uhr

Nach Gold schürfen

Die Gestirne
von Eleanor Catton, aus dem Englischen von Melanie Walz
Vorgestellt von Ulrike Sárkány
Bild vergrößern
Eleanor Catton lebt in Auckland und unterrichtet Kreatives Schreiben am Manukau Institute of Technology.

1.040 Seiten hat die deutsche Übersetzung, die jetzt endlich auf Deutsch vorliegt, vom Roman "The Luminaries" von Eleanor Catton. Als die junge Neuseeländerin vor zwei Jahren dafür den Booker-Preis erhielt, war es das dickste Buch, das jemals diese hohe Auszeichnung bekommen hatte, und die Autorin war zudem mit 28 Jahren die jüngste Booker-Preisgewinnerin aller Zeiten. Lauter Superlative also: "Die Gestirne".

Goldgräber auf der Suche nach Reichtum

Eleanor Catton hat ihren Roman wie ein großes labyrinthisches Konstrukt angelegt, in dem wir uns über viele Seiten hinweg ans Licht tasten. Am Anfang trifft Walter Moody, ein junger Schotte, an einem regnerischen Abend in Hokitika ein, einer erst vor wenigen Jahren gegründeten Stadt an der Westküste der neuseeländischen Südinsel, die an jenem 27. Januar 1866 voller Goldgräber auf der Suche nach dem schnellen Reichtum ist.

Die im Rauchzimmer des Crown Hotel versammelten zwölf Männer wirkten, als hätten sie sich dort zufällig eingefunden. Aus ihrem Betragen und ihrer Kleidung zu folgern - Gehrock, Frack, Seemannsjacken mit Gürtel und Beinknöpfen, gelber Moleskin, Kammertuch und Serge - hätten sie zwölf Fremde in einem Eisenbahnwaggon sein können, jeder von ihnen auf dem Weg zu einem anderen Viertel einer Stadt mit genug Nebel und genug Wasserläufen, um sie voneinander zu trennen. Leseprobe

Dass die junge Autorin an den großen Romanen des 19. Jahrhunderts geschult ist, lässt sich nicht verhehlen. Sie setzt auch das Instrument des allwissenden Erzählers mit großem Vergnügen ein und springt ansonsten in den Perspektiven ihrer vielen Personen hin und her.

Walter Moody wird im Verlauf der Handlung von den zwölf Männern im Raum erfahren, dass sie alle auf die eine oder andere Weise in rätselhafte Vorgänge verwickelt sind, die sich in Hokitika zugetragen haben: Ein Einsiedler hat tot in seiner Hütte gesessen, eine Prostituierte ist bewusstlos auf der Straße aufgelesen worden, und ein von allen für sein Goldgräberglück bewunderter junger Mann ist spurlos verschwunden.

Sternbilder geben dem Roman Struktur

Um ihrer ausufernden Romanhandlung eine Struktur zu geben, hat Eleanor Catton sich den Himmel über Hokitika zur Zeit des Goldrauschs von 1864 bis 1868 angesehen und ihre Figuren alle in Korrelation zu einem Sternbild oder einem Planeten geschaffen.

Doch sie beruhigt uns, dass man den Roman auch ohne astrologische Vorbildung lesen kann. Es sei nicht einmal wirklich ein historischer Roman, sagt sie, denn mit den historischen Ereignissen in Neuseeland hat sie sich Freiheiten genommen. Nur die Sternkarten sind exakt.

Zwei Liebende sind die heimlichen Hauptfiguren

Die zwei heimlichen Hauptfiguren sind große Liebende und zudem "astrale Zwillinge", also zum selben Zeitpunkt am selben Ort geboren. Deshalb sind sie in der Lage, sich gegenseitig zu nähren und zu beschützen, auch wenn sie voneinander getrennt sind. Dieses Element des "magischen Realismus" gibt uns Lesern einige Rätsel auf, aber das macht "Die Gestirne" nicht weniger reizvoll.

Die Liebenden stammen aus Sydney, während die raffgierigen verbrecherischen Figuren aus dem alten Europa kommen. Deren Denken ist außerdem von Standesdünkel geprägt. In Hokitika ist die Hure Anna Wetherell ein geachtetes Mitglied der Gemeinde und sie achtet ihrerseits sowohl die Chinesen Kuei Lung und Sukyong Cheng als auch den Maori Te Rau Tauwhare. Der sammelt Jadesteine und hat für die Gier nach Gold wenig Verständnis.

Eine zentrale thematische Achse im Buch ist die zwischen Liebe und Geld. Liebe kann man nicht kaufen und Geld, für sich genommen, kann man nicht wirklich lieben. Anna als Prostituierte geht ständig damit um, denn alle Tierkreis-Charaktere im Buch, die sie frequentieren und für ihre Dienste bezahlen, verwechseln die Transaktion des Geldhandels mit Liebe.

Je genauer man liest, desto mehr Gold lässt sich schürfen. Ein tolles Buch!

Die Gestirne

von
Seitenzahl:
1040 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
btb
Bestellnummer:
978-3-442-75479-3
Preis:
24,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.11.2015 | 12:40 Uhr