Stand: 10.09.2014 10:56 Uhr

Die Geschichte des Pianisten

Der Grund
von Anne von Canal
Vorgestellt von Heide Soltau

Der Pianist in der Bar spielt Wohlfühlmusik. Wer möchte, kann sich den Klängen überlassen. Träumen, sich erinnern, nachdenken. Manche summen gelegentlich auch mit, doch viele Gäste unterhalten sich. So habe sie das erlebt, erzählt Anne von Canal, als sie auf einer Fähre nach Oslo einen ganzen Abend lang einem Klavierspieler zugehört habe: "Und da habe ich gesehen, das ist einer, der sitzt da, und niemand bemerkt ihn, aber er sieht alles. Das hat mich als Konzept so fasziniert. Und viel später, als ich darüber nachgedacht habe, ist mir klar geworden, jemand, der da sitzt, der sitzt nicht ohne Grund da. Der muss eine Geschichte haben."

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Anne von Canal hat den Untergang der "Estonia" literarisch verarbeitet.

Und darum geht es in dem Roman. Anne von Canal, eine studierte Skandinavistin, rollt in ihrem literarischen Debüt die Geschichte des Barpianisten Laurits Simonsen auf. Warum spielt er auf einem Kreuzfahrtschiff? Was ist - der Grund? (so auch der Titel des Romans).

 

Ein verhinderter Musiker

Laurits stammt aus einer großbürgerlichen Familie in Stockholm, der Vater ist Chefarzt einer Klinik. Auf Betreiben der Mutter bekommt er Klavierunterricht und erweist sich als talentierter Schüler. Und bald träumt Laurits davon, Pianist zu werden. Doch der autoritäre Vater hat andere Pläne für ihn. Er will, dass der Sohn Arzt wird, und schlägt ihm einen Deal vor. Wenn Laurits die Aufnahmeprüfung am Konservatorium besteht, darf er Musik studieren, wenn nicht, gehorcht er dem Vater. Und genau das passiert: Laurits fällt durch die Prüfung.  Er muss Arzt werden und sagt der Musik ade.

Jahre später setzt er sich wieder ans Klavier. Er kann es erst, nachdem er erfahren hat, wie ihn die Eltern belogen und letztendlich für ihre Interessen missbraucht haben. "Das ist natürlich ein hartes Wort", räumt die Autorin ein. "Man sieht ja, auch der Vater und die Mutter sind so gefangen in ihrer eigenen Biografie, die können im Prinzip gar nicht anders. Und darum ging es mir eigentlich, zu zeigen, wie jeder in seiner eigenen Hilflosigkeit gefangen und wo dann am Ende eine Art Missbrauch, wie Sie das sagen, bei raus kommt, der in dem Fall fast nicht zu vermeiden war."

Das Spiel mit der Spannung

"Der Grund" erzählt von Laurits' Flucht aus Stockholm. Zusammen mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter baut er sich ein neues Leben in Estland auf. Wie dann der Untergang des Fährschiffs "Estonia" noch einmal sein Leben durcheinander bringt und er schließlich als Barpianist auf einem Kreuzfahrtschiff landet, sei hier nicht verraten. Das würde das Lesevergnügen mindern. Denn Anne von Canal, deren Name übrigens kein Pseudonym ist, spielt mit der Spannung.

Man will mehr über den Mann wissen, der Arzt war und nun als Klavierspieler arbeitet. "Das ist die Rolle, die er angenommen hat, und mit der lebt er", sagt sie, "und er will auch das gut machen. Das war mir sehr wichtig, das zu betonen, dass er sich da nicht vorkommt wie ein Pianist zweiter Klasse."

Gegen die Trennung von U und E

Wirklich nicht? Träumen nicht alle jungen Menschen von der großen Karriere, wenn sie anfangen, Musik zu studieren? Und reagieren wir als Publikum nicht auch ganz ähnlich?  Wir bewundern die Stars, jene, die in Konzertsälen als Solisten auftreten oder in bekannten Orchestern oder Bands spielen. Aber sich in Bars, auf Schiffen und in Hotelhallen verdingt, wird als Künstler nicht erst genommen. "Das ist ja immer so die Crux, in der wir leben. Dass Unterhaltung immer ein bisschen von oben herab behandelt wird." Was Anne von Canal ziemlich ungerecht findet.

Gemeint ist damit auch die Literatur in Deutschland. Nirgendwo sonst herrscht eine so strikte Trennung zwischen U und E, zwischen unterhaltender und ernster Literatur. Und das betreffe nicht nur die Bücher, sondern auch die Autoren und Leser, betont Anne von Canal: "Die werden ja in gleichem Maße schubladisiert. Und wieso ist der Leser, der sich gut unterhalten will weniger wert als der Leser, der intellektuelle Literatur liest?"

Der Grund

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
mare Verlag
Bestellnummer:
978-3866481961
Preis:
20 € €
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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/buch/tipps/Die-Entdeckung-der-Ironie,canal102.html

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