Stand: 09.11.2015 12:40 Uhr

Sensationsfund aus dem Chaplin-Nachlass

Footlights - Rampenlicht
von Charlie Chaplin, David Robinson (Hrsg.), aus dem Englischen von Lotta Rüegger und Holger Wolandt
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Am 2. August 1952 veranstaltete Charlie Chaplin eine Preview von "Rampenlicht" in Hollywood. Bald danach verließ er die USA.

Für Cineasten, Liebhaber von Charlie-Chaplin-Filmen und an Filmhistorie interessierte Leser ist jetzt ein großartiger Lesestoff erschienen: Chaplins einziger Roman "Footlights - Rampenlicht", die Vorlage für den Film "Rampenlicht". Ein echter Sensationsfund aus dem Chaplin-Nachlass. Verbunden mit dem Romanmanuskript von Chaplin gibt es eine Dokumentation zu seinem Werk, Erklärungen zum Hintergrund des Textes und eine Einordnung durch den namhaften Filmkritiker, Chaplin-Biograf und Freund, den Herausgeber des Bandes, David Robinson.

Chaplin fällt in den USA in Ungnade

In Chaplins Filmografie folgt "Rampenlicht" auf "Monsieur Verdoux". Es war die Zeit in seinem Leben, als das FBI eine unglaubliche Hetzjagd auf Charlie Chaplin inszenierte, angetrieben von der Nachkriegsparanoia des Kalten Krieges in der McCarthy-Ära verdächtigte man Chaplin, Kommunist zu sein und durch seine Filme die Moral der braven Amerikaner zu verderben. Man überzog ihn mit Prozessen und Verleumdungen. Chaplin versuchte sich zu wehren, betonte immer wieder, er sei kein Kommunist, sondern Patriot der gesamten Menschheit, ein Bürger der Welt.

Als Charlie Chaplin am 18. September 1952 an Bord der Queen Elizabeth geht, ist er guter Dinge. Der 63-jährige Hollywoodstar plant einen ausgedehnten Familienurlaub in Europa. Zusammen mit seiner Ehefrau Oona und den vier Kindern. Doch kaum hat das Schiff die amerikanischen Hoheitsgewässer verlassen, da erreicht ihn ein folgenschweres Telegramm ... Hollywoods größter Star ist zum Staatsfeind geworden. Was schließlich in dem skandalösen Einreiseverbot gipfelt. An Bord der Queen Elizabeth hält sich Chaplin zunächst bedeckt: "Ich habe früheren Äußerungen von mir nichts hinzuzufügen. Vielen Dank."  Leseprobe

Alter Clown verliebt sich in junge Tänzerin

In London wird er seinen neuen Film "Rampenlicht" vorstellen. Es ist von allen seinen Filmen der autobiografischste. Er erzählt von seiner Kindheit, den Varieté-Theatern in jener Zeit in London, einer äußerst schwierigen Mutter und seiner Kunst. Es ist die Geschichte eines alternden Clowns, der eine junge, kranke und lebensmüde Tänzerin bei sich aufnimmt.

Wer den Roman, der erst im letzten Jahr im Chaplin-Archiv gefunden wurde, heute liest, wird feststellen, dass man natürlich sofort alle Bilder vor sich hat. Chaplins Bildsprache haben wir alle irgendwo im Kopf abgespeichert. Man ruft das unbewusst ab, zusätzlich meint man hier die Erzählerstimme buchstäblich zu hören, wenn die Tänzerin Terry auf der Bühne probt:

Mit Leichtigkeit drehte sie ihre Pirouetten ... Sie war licht ... quecksilbrig ... flirrend. Eine Diana, die Schleier der Schönheit um sich spinnt. Sie war Jugend, die Verkörperung der Hoffnung, die für kurze Momente in Verzweiflung umschlug. Und in einer dunklen Nische hinter der Bühne weinte Calvero. Leseprobe

Calvero, der alternde Clown und Vollblutkünstler, versucht die schöne, aber verzweifelte Tänzerin zu retten. Beide kämpfen um ihre Kunst und verlieben sich rettungslos.

Chaplin-Biograf und Freund der Familie

Der Herausgeber dieses einzigen Romans von Charlie Chaplin, David Robinson, erinnert sich an seine eigene Fahrt zu Uraufführung von "Rampenlicht" 1952 in London. Als Student war eine erhebliche finanzielle Anstrengung damit verbunden. Eintrittskarte, Fahrkarte, Hotel und Miete eines Smokings.

"Aber niemals habe ich Geld sinnvoller ausgegeben", sagt Robinson. Als der Film 22 Jahre später erneut in die Kinos kam, besprach er ihn voller Hingabe in der "Times". Es kam dann eine Postkarte aus der Schweiz von Chaplins Frau Oona, die sich gerührt für den Artikel bedankte. Erst hielt Robinson es für einen Scherz seiner Kollegen, aber es war der Beginn seiner Freundschaft mit den Chaplins.

Footlights - Rampenlicht

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Bertelsmann Verlag
Bestellnummer:
978-3-570-10250-3
Preis:
29,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 10.11.2015 | 12:40 Uhr

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