Stand: 16.05.2017 14:53 Uhr

Wie Tiere fühlen und denken

Die Intelligenz der Tiere
von Carl Safina
Vorgestellt von Johannes Kaiser

Auch Tiere können trauern und sich freuen, lügen und betrügen, bewusst planen und handeln. In Carl Safinas Buch "Die Intelligenz der Tiere" schildert der Autor seine Begegnungen mit den Tieren und ihren Forschern.

Die Intelligenz der Tiere

Es ist schon merkwürdig. Obwohl wir Menschen zu einem Großteil dasselbe genetische Erbe wie die Tiere haben, uns zum Beispiel von Schimpansen nur um wenige Prozent unterscheiden, sind wir dennoch jahrhundertelang der Überzeugung gewesen, Gefühle und Intelligenz exklusiv zu besitzen. Inzwischen wissen es zumindest Biologen und Tierverhaltensforscher besser. Auch Tiere können trauern und sich freuen, lügen und betrügen, bewusst planen und handeln. Je länger man Tiere in ihren Lebensräumen beobachtet, je technisch versierter die Möglichkeiten mit Mikrosendern oder Drohnen werden, ihnen zu folgen, desto deutlicher wird, dass sie Fähigkeiten und Eigenschaften besitzen, die einst nur dem Menschen zugebilligt wurden.

US-Ökologe schildert anschaulich Begegnungen

Viele Geschichten finden sich im Buch "Die Intelligenz der Tiere" des amerikanischen Ökologen Carl Safina. Drei Tiergruppen hat er in den Mittelpunkt seines Berichtes gestellt: die Elefanten, die Wölfe und die Orcas. Ihnen sind drei der vier Kapital seines Buches gewidmet. Er hat Wissenschaftlerinnen in Afrika besucht, die seit Jahrzehnten mit Elefantenfamilien auf Tuchfühlung leben. Er hat im amerikanischen Yellowstone Nationalpark Wolfsforscher auf ihren Wegen begleitet und ist an der Westküste Nordamerikas an der Grenze zwischen den USA und Kanada mit Walforschern aufs Meer gefahren.

Empathie bei Tieren

Anschaulich und lebhaft schildert der Autor seine Begegnungen mit den Tieren und ihren Forschern. Er vermeidet dabei bewusst jeglichen Fachjargon. Immer wieder mokiert er sich über die Überheblichkeit mancher Wissenschaftler, die viele Tierreaktionen als rein instinktive Handlungen beiseite wischen und dabei beflissentlich übersehen, dass wir Menschen oft genauso instinktiv handeln. Immerhin, so argumentiert er sehr einleuchtend, haben wir eine gemeinsame Vergangenheit und teilen mit den Tieren zahlreiche Gene und Gehirnstrukturen. So finden sich vermeintlich "typisch menschliche" Eigenschaften wie Empathie, Trauer- und Kommunikationsfähigkeit, die Benutzung von Werkzeug und vieles mehr, in unterschiedlicher Ausprägung auch bei anderen Wesen auf dieser Erde.

Dieselben Hormone steuern das Gefühlsleben

Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass wir die Tiere nicht fragen können. Wir sind auf Vermutungen angewiesen und auf Beobachtungen. Die zeigen allerdings ein deutliches Bild. So besitzen zum Beispiel Elefanten stark ausgeprägte Persönlichkeiten. Es gibt mutige und ängstliche, aufbrausende und sanftmütige Charaktere. Sie sind soziale Wesen, die sich gemeinsam um die Kinder kümmern, sich gegenseitig helfen, Mitgefühl zeigen, Trauer und Schmerz empfinden, Lust und Freude zeigen, einfach zum Spaß spielen und herumalbern. Warum sollten sie auch nicht? Ihre Körper produzieren dieselben Hormone, die unser Gefühlsleben steuern. Dennoch, so Carl Safina, werden wir nie erfahren, was Tiere denken, denn wir können sie nicht verstehen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Elefanten etwa stoßen Töne in einem Frequenzbereich aus, den wir nicht hören können. Sie spüren Vibrationen von Elefantentritten über dutzende Kilometer und wissen offenkundig, wer da kommt. Keiner weiß, was sie sich untereinander mitteilen.

Wie Intelligenz definieren?

Dass Tiere intelligent sind, haben zahlreiche Experimente gezeigt. Nur woran misst man ihre Intelligenz, wo es doch beim Menschen schon schwierig genug ist, Intelligenz zu definieren? Ein Zeichen ist die Herstellung von Werkzeug. Da weiß man inzwischen, dass vom Raben bis zum Orang-Utang viele Tiere primitive Werkzeuge erfinden, um an Futter zu kommen und diese Fähigkeiten an Artgenossen weitergeben. Tiere lernen. Außerdem spielen viele gerne - ein Zeichen für Kreativität. Sie sind trickreich und schlau.

Carl Safinas Buch öffnet uns die Augen für diese drei Tiergruppen, über die wir bislang weitaus weniger wissen als über die uns nahestehenden Menschenaffen. Er zeigt eindringlich und mit großem Einfühlungsvermögen, warum wir mehr Achtung und Respekt vor den Tieren haben sollten, die uns näher stehen, als wir oftmals wahrhaben wollen und warum wir sie schützen sollten.

Die Intelligenz der Tiere

von
Seitenzahl:
523 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
C.H. Beck
Preis:
26,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.05.2017 | 19:00 Uhr

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