Stand: 20.07.2017 11:20 Uhr

Warum es gut tut, anderen zu helfen

Nichtstun ist keine Lösung - Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs
von Hilal Sezgin
Vorgestellt von Martina Bittermann
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Die Autorin Hilal Sezgin hat sich selbst in der Flüchtlingshilfe engagiert.

Millionen von Menschen tun es: Sie engagieren sich in Nachbarschaftsinitiativen, in der Alten- oder Jugendarbeit oder in Sportvereinen. Einen Höhepunkt erreichte die Hilfsbereitschaft im Herbst 2015, als mehrere Hunderttausend Bürgerinnen und Bürger Flüchtlinge mit offenen Armen empfingen: Sie sammelten Kleider, organisierten Willkommensessen, gaben Deutschunterricht. Kurz danach wurde das Wort "Gutmensch" zum Unwort des Jahres gewählt.

Gutes zu tun, scheint also nicht unproblematisch zu sein. Ttrotzdem gebe es dazu keine Alternative, meint die Publizistin Hilal Sezgin in ihrem neuen Buch "Nichtstun ist keine Lösung".

"Typisch Gutmensch!"?

Die Welle der Hilfsbereitschaft im Herbst 2015 war immens. Aber mit zunehmendem  Engagement  wuchsen die Einwände. Dabei gerieten nicht erst die konkreten Arbeiten in Kleiderkammern und Suppenküchen in die Kritik, sondern allein Vorschläge und Ideen zur Verbesserung der Situation für die Flüchtlinge. Wer sich einsetzte, wurde als "typisch Gutmensch" und  als "naiv" diffamiert. Hilal Sezgin, selbst über viele Monate in der Flüchtlingshilfe aktiv, spricht in ihrem Buch von einem "Gutmenschen-Bashing":     

"Aber ein Teil dieses Gutmenschen-Geschimpfes kommt einfach aus diesem moralpsychologischen Phänomen, dass wir Menschen mit Konkurrenz-Gefühlen und Neidgefühlen darauf reagieren, wenn jemand anderes was macht, was wir eigentlich gut finden. Dann sagen wir nicht: Wow, da könnte ich etwas davon lernen, da könnte ich mein Leben auch ein bisschen umstellen, so sind wir nicht. Da muss man einfach sagen, da ist unser Ego im Weg. Als erstes sagen wir nein, so wie ich es mache, ist es toll, so wie du es machst, nicht."

 

Das Buchcover "Nichtstun ist keine Lösung - Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs" von Hilal Sezgin © dumont-buchverlag

"Nichtstun ist keine Lösung" von Hilal Sezgin

NDR Info - Buchtipp -

Es ist dringender denn je, sich für Gutes zu engagieren, schreibt Hilal Sezgin. Und sie analysiert, wieso andere das mit dem Schimpfwort "Gutmensch" belegen. Ein Buchtipp von Martina Bittermann.

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Idealisten stoßen auf Ablehnung

Hilal Sezgin zeichnet in ihrem klugen und flott geschriebenen Buch diesen Mechanismen der Ablehnung nach und macht so nachvollziehbar, dass Menschen mit einer idealistischen Haltung immer wieder auf Ablehnung stoßen. Bei ihren Erklärungsversuchen bemüht die Autorin moralpsychologische Ansätze, bezieht sich aber auch auf eigene Erfahrungen aus dem Herbst 2015, als eine Welle der Energie durchs Land ging und viele Menschen mitriss.

Helfen kann ernüchternd sein

Auf diese Helfer-Euphorie, so schreibt Hilal Sezgin erfrischend ehrlich, folgte dann doch die Ernüchterung.

"Trotz aller Einwände haben wir nämlich auch eine völlig idealisierte Vorstellung davon, wie es angeblich ist, Gutes zu tun: Als ob da immer eine Bombe des Wohlgefühls platzen, gleichsam paradiesisches Konfetti über allem herabrieseln lassen würden und wir selbst perfekt würden durch und durch. (...) Doch die Menschen, denen wir helfen, sind nicht alle wunderbar, exotisch oder besonders. Es sind halt irgendwelche anderen Menschen, die Bombenhagel oder Hunger aus ihrer Heimat vertrieben haben. Der eine oder andere mag sogar ein richtiges Ekelpaket sein." (Zitat aus dem Buch "Nichtstun ist keine Lösung")

Gemeinsames Engagement darf sich schön anfühlen   

Die Arbeit mit den Flüchtlingen habe gezeigt, wie sehr Menschen über sich hinauswachsen und wie viel sie durch gemeinsames Handeln erreichen können, bilanziert Hilal Sezgin ihr Engagement in der Flüchtlingshilfe:

"Es ist nicht so, dass man es entweder nur für sich tut, weil man sich darin gefällt, weil es Spaß macht. Oder man macht es für die anderen, und dann darf es keinen Spaß machen. Ich glaube, das ist eine ganz wichtige Einsicht. Wenn man zum Beispiel auf eine große, gute Demo geht, dann fühlt man sich als Teil einer Menge. Und das ist auch schön, sich nicht einsam zu fühlen. Es ist schön, die Kraft von vielen zu spüren, und das ist nicht verboten. Wir haben so eine irre Vorstellung entwickelt, wenn es gut ist, muss es wehtun. Ich glaube, wir sollten diesen Kontrast abmildern. Denn viel helfen kann auch viel Spaß machen und Freude, weil man mit anderen zusammenarbeitet. Es macht auch allein deswegen schon Spaß, weil man was Konstruktives aufbaut."

Engagement wird in vielen Bereichen gebraucht

Aus der Erfahrung der letzten knapp zwei Jahre habe sich ein "Reservoir des Guten" aufgebaut. Das gelte es unbedingt zu erhalten und anzuzapfen. Denn die Flüchtlingskrise habe zwar ihren Höhepunkt überschritten, die weltweiten Krisen dauern an. Hilal Sezgin plädiert mit Verve dafür, sich weiter zu engagieren - weit über das Engagement für Geflüchtete hinaus. Es bestehe kein Grund "das Badetuch einzurollen" schreibt sie, solange es Ungerechtigkeit und Ausbeutung von Menschen, Tieren und Umwelt gebe. Und: Sie fordert eine offene, moralisch-ethische Debatte.

"Wir brauchen das Reden über das ethisch Gute schon allein, um, herauszufinden, was eigentlich gut ist und wie wir uns überhaupt verhalten sollten. Diese Welt ist unglaublich verwirrend, und mit der Globalisierung und der Zunahme unserer Handlungsoptionen ist das Manövrieren in ihr nicht einfacher geworden." (Zitat aus dem Buch "Nichtstun ist keine Lösung")

Ethisches Handeln, keine moralischen Ansagen!

Hilal Sezgin hat einmal mehr ein engagiertes und lesenswertes Buch geschrieben, in dem sie sich aus verschiedenen Blickwinkeln heraus mit der Kategorie des Guten und des ethisches Handelns auseinandersetzt. Gutes tun, so lautet eine ihrer Botschaften, habe nichts mit Verzicht zu tun. Und um Gutes zu tun, brauche es auch keine moralischen Ansagen, die mit "müssen" und "sollen" operieren, sondern es gehe um einen Konsens - gewonnen aus einem gesellschaftlichen Diskurs. Gutes zu tun, sei eine Chance, sich mit Mitmenschen zu verbinden, um die Welt ein bisschen besser zu machen. Klingt naiv. Ist aber bitter nötig.

Nichtstun ist keine Lösung - Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs

von
Seitenzahl:
160 Seiten
Verlag:
DuMont
Veröffentlichungsdatum:
18. Juli 2017
Bestellnummer:
978-3-8321-9881-7
Preis:
14,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 20.07.2017 | 10:20 Uhr

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