Stand: 23.08.2017 13:20 Uhr

"Konservativen fehlt eine politische Heimat"

Heimatlos. Bekenntnisse eines Konservativen
von Ulrich Greiner
Vorgestellt von Jan Ehlert
Bild vergrößern
Das Buch "Heimatlos" von Ulrich Greiner ist im Rowohlt-Verlag erschienen.

Im März 2016 sorgte Ulrich Greiner, der ehemalige Feuilleton-Chef der Wochenzeitschrift "Die Zeit", mit einem Essay für Diskussionen, dem er den provokanten Titel "Vom Recht, rechts zu sein" gegeben hatte. Darin forderte er unter anderem, den Begriff "Rechts" in Deutschland nicht immer nur negativ zu bewerten. Inzwischen ist aus dem Essay ein Buch geworden: "Heimatlos".

Merkel verrückt die CDU erbarmungslos 

Greiner hat ein Problem: Die Bundestagswahl steht vor der Tür, aber es gibt keine Partei, in deren Programm er sich wiederfindet. Selbst die CDU ist für den langjährigen SPD-Wähler mittlerweile nicht mehr konservativ genug: "Wenn die CDU noch so konservativ wäre, wie sie in meinen jungen Tagen war, als ich sie damals verachtete, dann könnte ich sie heute wählen. Aber wir alle wissen ja, dass Angela Merkel diese Partei ziemlich erbarmungslos in die Mitte und zum Teil nach links gerückt hat."

Vom Völkischen der AfD abgeschreckt

Bild vergrößern
Ulrich Greiner fühlt sich in der Parteien-Landschaft in Deutschland inzwischen "heimatlos".

Parteien wie die AfD, die sich rechts von der CDU etabliert haben, stellen für Greiner allerdings keine Alternative dar. Alle Anspielungen auf das Völkische, die aus der Partei kämen, lehne er ab, schreibt er. Der Titel seines Buches, "Heimatlos", ist daher vor allem politisch zu verstehen. Aber nicht nur.

Es gibt einiges, was Greiner in Deutschland inzwischen suspekt vorkommt - und was nun "dringend einmal gesagt werden" müsse. So schreibt er im Vorwort:

"Ich bin zum Beispiel der Meinung, dass der unkontrollierte Zustrom von Flüchtlingen im Herbst 2015 ein Fehler war [...] und dass die Warnung vor einer Islamisierung nicht bloß das Hirngespinst verwirrter Pegida-Anhänger ist. Ich glaube weiterhin, dass der im Grundgesetz garantierte Schutz von Ehe und Familie die gleichgeschlechtlichen Lebensformen nicht mit einschließt. Die damit nicht selten verbundenen Praktiken biotechnischer Reproduktion erregen meinen Widerwillen." Zitat

Greiners Gefühl spricht gegen die Ehe für alle

Cover des Buches "Heimatlos" von Ulrich Greiner. © Rowohlt

Politisches Buch: "Heimatlos" von Ulrich Greiner

NDR Info - Buchtipp -

Werden "rechte" Positionen von vornherein disqualifiziert? Ulrich Greiner sieht das so, er nennt in "Heimatlos" allerdings kaum Fakten. Jan Ehlert hat das Buch gelesen.

5 bei 2 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Das zu denken ist Greiners gutes Recht. Er begründet seine Haltung allerdings oftmals eher mit einem Gefühl als mit einem Argument - zum Beispiel, wenn es um die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften geht: "In der Frage der Ehe für alle habe ich mich ja auch sehr zurückgehalten. Ich finde das eigentlich auch gut, aber mein Gefühl spricht dagegen und ich dachte, es wäre vielleicht nicht schlecht, dieses Gefühl auch mal anzusprechen, aus den Gründen, dass ich das bei vielen Zeitgenossen auch finde."

Flüchtlingskrise als "Volkserziehungsprojekt der Medien"

Damit aber begibt sich Greiner auf eine Ebene, in der Gerüchte und Geraune stärkeres Gewicht erhalten als Fakten. Und so schreibt er vom "Volkserziehungsprojekt der Medien" im Zuge der Flüchtlingskrise, äußert Verständnis für den Begriff der "Lügenpresse" und schimpft auf die "Multikulturalisten", die nicht sehen wollten, dass der Islam eine Bedrohung sei. Belege liefert er nicht. Das Gefühl muss reichen. Besonders unangenehm wird dies, wenn er - wie schon in seinem Essay - versucht, die politische Zuordnung "Rechts" zu rechtfertigen.

"Es ist trotz der Geschichte der DDR und trotz der Toten an der Berliner Mauer und trotz der stalinistischen Lager bis heute so geblieben, dass der Schatten des Nationalsozialismus offenbar stärker und mächtiger ist als der Schatten des stalinistischen Terrors. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass das, was in Auschwitz passiert ist, doch noch eine andere Dimension hat, wenn wir jetzt nicht von den schieren Zahlen reden, was aber nicht weit führen würde. Gleichwohl kommt es mir immer noch seltsam vor, dass man in diesem Land ohne Weiteres links sein kann, aber alles, was mit rechts zu tun hat, ist irgendwie automatisch disqualifiziert." Zitat

Sachargumente und konservativer Entwurf für die Zukunft fehlen

Auch hier gilt wieder: kein Beleg. Wer disqualifiziert? Darauf gibt es keine Antwort. Und ein Verbot, "rechts" zu sein, gibt es selbstverständlich nicht.

Alle, die ein ähnliches Gefühl haben, als Konservativer politisch heimatlos zu sein, werden das Buch genießen, weil sie sich verstanden fühlen. Weiterhelfen wird es ihnen aber nicht, denn Greiner liefert keine Sachargumente für eine hilfreiche Diskussion, die in die Zukunft führen würden.

Heimatlos. Bekenntnisse eines Konservativen

von
Seitenzahl:
160 Seiten
Verlag:
Rowohlt
Veröffentlichungsdatum:
18. August 2017
Bestellnummer:
978-3498025366
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 23.08.2017 | 09:50 Uhr

Mehr Kultur

59:52

Bettina Tietjen - die Talklady im Porträt

25.11.2017 00:10 Uhr
NDR Fernsehen
01:28

Werke von Hans Fuglsang in Flensburg

24.11.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
00:59

Hakenkreuz auf Sportplatz-Gelände zerschlagen

24.11.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal