Stand: 20.09.2017 16:13 Uhr

Vom Gefühl, nicht mehr dazu zu gehören

Fremd in ihrem Land. Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten
von Arlie Russell Hochschild
Vorgestellt von Gabi Biesinger

2011 fing die US-amerikanische Soziologin Arlie Russell Hochschild an, sich Sorgen um ihr Land zu machen. Die Wissenschaftlerin aus Berkeley in Kalifornien beobachtete, wie die USA immer deutlicher in zwei Lager zerfielen - auf der einen Seite die Rechten und ihre Anhänger, die der Politik misstrauen, auf der anderen Seite die liberalen Linken, die Obama-Care wollen und den Sozialstaat.

Hochschild, selbst überzeugte Liberale, reiste fünf Jahre lang immer wieder durch Louisiana, um mit der anderen Seite ins Gespräch zu kommen. Entstanden ist dabei das beeindruckende Buch "Fremd in ihrem Land. Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten".

Washington zahlt an Louisiana, ist dort aber unbeliebt

Louisiana am Golf von Mexiko rangiert auf der Liste der ärmsten Bundesstaaten unter den Top Ten. Bildung, Gesundheitsversorgung, Umweltschutz - dafür fehlt das Geld, für Letzteres häufig auch der Sinn. Finanziell hängt Louisiana am Tropf von Washington, trotzdem ist die Bundesregierung unbeliebt.

Mit den Metropolen Baton Rouge und New Orleans war Louisiana lange Zeit liberaler geprägt als andere Südstaaten, doch seit 2008 gewannen auch hier durchweg republikanische Präsidentschaftskandidaten.

Cover des Buches "Fremd in ihrem Land. Die Weltsicht der Trump-Wähler" von Arlie Russell Hochschild. © Campus Verlag

Buchtipp: "Fremd in ihrem Land"

NDR Info - Buchtipp -

Arlie Russell Hochschild lässt in "Fremd in ihrem Land" Menschen in Louisiana erzählen und fordert Liberale und Rechte auf, im Gespräch zu bleiben. NDR Info stellt das Buch vor.

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Von Obama "in die Warteschlange geschoben"

Im vergangenen Jahr stimmte die Bevölkerung für Donald Trump. Da hatte die Soziologin Arlie Hochschild schon fünf Jahre lang beobachtet, wie Präsident Barack Obama und die Demokraten einen Kern ihrer eigentlichen Klientel, die weiße Arbeiterklasse, verprellt hatten: "Sie fühlten sich von den Demokraten einfach nicht mehr angesprochen. Das Gefühl war, Präsident Obama protegiert Menschen, die anders sind als ich. Er schiebt mich zurück in die Warteschlange, gibt mir kein Zeichen, dass ich dazugehöre. Das machte sie zu Fremden im eigenen Land."

Reden, immer wieder reden und zuhören

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Donald Trump gab im Wahlkampf auch der Arbeiterklasse in Louisiana wieder die Zuwendung, die sie zuvor vermisst hatte.

Arlie Hochschild betreibt, was man "verstehende Soziologie" nennt. Konkret bedeutet das, sie redet mit den Menschen, immer wieder, versucht ihre tiefere Geschichte, ihre "deep story", zu ergründen, quasi ihr Bauchgefühl, das sie so ticken lässt, wie sie ticken.

Bei ihrer Feldforschung traf Hochschild Menschen, die merkten, dass sie vom Versprechen des amerikanischen Traums abgehängt waren. Wirtschaftliche Unsicherheit, die kulturelle Marginalisierung ihrer Ansichten über Abtreibung etwa, über Homo-Ehe oder Waffenbesitz und das Gefühl, als weißer Christ inzwischen in der Minderheit zu sein - all das machte ihre Gesprächspartner zu Opfern, die sie nicht sein wollten: "'Gucken Sie diese ganzen armen Gruppen an, die sich ständig selbst bemitleiden', sagten meine Gesprächspartner: 'Frauen, Schwarze, Einwanderer. Wir sind nicht so weinerlich, wir sind hart im Nehmen, stoisch.' Und dabei sehen sie sich mit einem Widerspruch konfrontiert. Denn in ihrem Herzen fühlen sie sich genauso jämmerlich - aber sind viel zu stolz, um das zuzugeben."      

Lebensgeschichten aus Louisiana

Hochschild führt Statistiken an, die diesen gefühlten sozialen Abstieg untermauern. Und sie lässt sich literarisch Zeit für die Lebensgeschichten ihrer Louisiana-Bekanntschaften. Die Familie, der sie das Buch gewidmet hat, musste ihren Ort nach einem schlimmen Umweltskandal mit Giftmüll verlassen, weil ihre Gegend unbewohnbar geworden war. Zu Wort kommt auch Lee Sherman, der Mann, der den giftigen Müll im Bayou Kanal verklappte und später zum Whistleblower wurde. Heute macht er wieder Werbung für einen Politiker, der das Umweltschutzministerium eindampfen möchte. Denn der Bundesregierung in Washington traut Sherman noch weniger als jeder Chemiefirma.

Es sind diese paradoxen Geschichten, die Widersprüche, die Hochschild aufspürt. Sie begegnet ihren Gesprächspartnern auf Augenhöhe, redet mit ihnen, nicht über sie. Sie will verstehen, nicht bewerten. Sie will begreifen und nicht belehren. Sie stellt fest: Religion und Glaube spielen eine wichtige Rolle bei ihren Protagonisten, dazu kommt gezielter Medienkonsum, um die eigenen Überzeugungen nicht infrage zu stellen.

Trumps Zuwendung zur weißen Arbeiterschicht

Als Donald Trump dann im Vorwahlkampf auftauchte, wurden die meisten ihrer Gesprächspartner nur langsam mit ihm warm: "Fast alle, die ich getroffen habe, konnten sich nur zögerlich auf Trump einlassen."

Aber am Ende war er es, der der Arbeiterklasse wieder die Zuwendung gab, die sie vermisst hatte: "Trump beleidigt Frauen, Schwarze, Einwanderer - die einzigen, die er niemals beleidigt, sind weiße Arbeiter."

Im Gespräch bleiben, die Welt der anderen erschließen   

Hochschilds Aufforderung an Liberale und Trump-Wähler zur Überwindung des Grabens: miteinander im Gespräch bleiben: "Wenn man sich mit zwei Flaschen Bier eine Weile zum Angeln zurückzieht, dann wird man hinterher nicht in allem einer Meinung sein. Aber man wird Gemeinsamkeiten entdecken und da kann man ansetzen."

Es lohnt sich, die Innenwelt seines Gegenübers zu erschließen, erst dann weite sich der eigene Blick, ermuntert Hochschild. Sie kondensiert das in ihrem Buch in drei wunderbar schnörkellosen Sätzen:

"Wenn Mike und ich aus dem Wagenfenster schauen, sehen wir eindeutig völlig verschiedene Dinge: Er sieht eine geliebte, belebte, längst vergangene Welt. Ich sehe ein grünes Feld." Zitat aus dem Buch “Fremd in ihrem Land"

Fremd in ihrem Land. Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten

von
Seitenzahl:
429 Seiten
Verlag:
Campus
Veröffentlichungsdatum:
7. September 2017
Bestellnummer:
EAN 9783593507668
Preis:
29,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 21.09.2017 | 10:50 Uhr

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