Stand: 01.10.2017 16:00 Uhr

Zerplatzte Träume und die Wut auf der Welt

Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart
von Pankaj Mishra
Vorgestellt von Verena Gonsch
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Das Buch "Zeitalter des Zorns" ist im S. Fischer Verlag erschienen.

Was hat das Deutschland des 19. Jahrhunderts mit den populistischen Strömungen überall auf der Welt zu tun, die wir gerade erleben? Viel, sagt der indischstämmige Soziologe Pankaj Mishra. Er hat das Buch "Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart" geschrieben.

Während der Industrialisierung galt das später erfolgreiche Deutschland als abgehängt: Deutschland musste im früheren 19. Jahrhundert den zunehmenden Reichtum und die Macht seiner direkten Nachbarn ertragen - und auch die militärischen und politischen Herausforderungen. Die Deutschen reagierten als erstes auch literarisch auf diese Entwicklung. Ihre Gefühle waren so, dass sie sich gedemütigt gefühlt haben, herabgesetzt.

Spannende historische Vergleiche

Die Industrialisierung schien damals an Deutschland vorbei zu gehen. Franzosen und Engländer waren erfolgreicher. So, wie die Deutschen damals, fühlen sich im heutigen "Zeitalter des Zorns" viele von der Moderne abgehängte Nationen. Das ist die Hauptthese Mishras, der in London und Indien lebt.

Er belebt sie anhand vieler spannender historischer Vergleiche der vergangenen 200 Jahre. Aus dem Gefühl des Abgehängt-Seins, des "Ressentiments“ gegenüber den beiden überlegenen Nationen England und Frankreich, entwickelte sich eine nationalistische Bewegung in Deutschland, Italien und anderen Ländern. Heute sind es laut Mishra Inder, Russen, Türken, Araber und Chinesen, die sich im Kreuzfeuer der Moderne befinden:

Die politische Wiederauferstehung des Nationalismus beweist, dass Ressentiments - in diesem Falle von Menschen, die sich von der globalisierten Ökonomie abgehängt oder von deren cleveren Oberherren und Claqueuren in Politik, Wirtschaft und Medien verächtliche ignoriert fühlen - die Ersatzmetaphysik der modernen Welt geblieben sind. Zitat aus dem Buch "Das Zeitalter des Zorns"

Anderen scheint es besser zu gehen

All die aufgestaute Wut, der Terror und der Hass in den sozialen Netzwerken sind also eine Antwort auf zerplatzte Träume und Sozialneid auf all die anderen auf der Welt, denen es scheinbar oder tatsächlich besser geht. Mishra zitiert den französischen Politiker Alexis de Tocqueville, der schon im 19. Jahrhundert diese Entwicklung vorher sah:

"Bleibt weder im Religiösen noch im Politischen eine Autorität bestehen, so erschrecken die Menschen bald ob der unbegrenzten Unabhängigkeit. Die ständige Unrast aller Dinge beunruhigt und ermüdet sie. Da im Bereich des Geistes alles in Bewegung ist, wollen sie, dass zumindest in den materiellen Dingen jegliches gefestigt und dauerhaft sei. Und da sie sich ihrem früheren Glauben nicht wieder zuwenden können, schaffen sie sich einen Herrn an."

Enttäuschte Versprechungen des Westens weltweit

Das Leitbild der Moderne ist dabei ein westliches. Auch diese Entwicklung zeichnet Mishra in einer Ideengeschichte nach.

Die schleichende Europäisierung der Welt ist heute abgeschlossen. Es gibt kaum einen Ort auf der Erde, nicht einmal auf Borneo oder in den Regenwäldern am Amazonas, der frei wäre von den Einflüssen des atlantischen Westens, seinen materialistischen Ideen und Ideologien und deren massenhaft produzierten amerikanischen Abwandlungen. Zitat aus dem Buch „Das Zeitalter des Zorns“

Die Tragik entsteht dadurch, dass nicht alle von dem Versprechen auf Freiheit, Wohlstand und Gleichheit profitieren.

Auf der Suche nach Orientierung

"Zeitalter des Zorns" ist ein Buch, das sich von der historischen Seite den Problemen unserer Zeit nähert. Und dabei im Zeitalter von Trump, Erdogan und Putin viele Déjà-vu-Gefühle auslöst. Pankaj Mishra, ein enger Freund der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy beschreibt dabei genau die Krisen der Moderne, die Roy in ihrem eben erschienenen Buch "Das Ministerium des äußersten Glücks" schildert.

Eine schnelle Lösung für die Probleme des "Zeitalters des Zorns" hat Mishra dabei nicht. Die Welt ist aus den Fugen, das stellt auch er fest, und für ihn ist das Wichtigste, dass wir uns dies erst einmal eingestehen. Und dass wir dann unseren Blick weg von allem rein rationalen auf die subjektiven Gefühle lenken, die die Welt bewegen:

Da so viele Orientierungspunkte zerstört sind, vermögen wir kaum zu sehen, wohin der Weg uns führt. Um eine Grundorientierung zu finden, benötigen wir jetzt vor allem mehr Präzision in Fragen der Seele. Zitat aus dem Buch "Das Zeitalter des Zorns"

Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart

von
Seitenzahl:
416 Seiten
Verlag:
S. Fischer Verlag
Veröffentlichungsdatum:
22. Juni 2017
Bestellnummer:
978-3-10-397265-8
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 02.10.2017 | 10:20 Uhr

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