Stand: 19.10.2017 11:00 Uhr

Ein Kämpfer für die Freiheit des Wortes

Verräter. Von Istanbul nach Berlin
von Can Dündar
Vorgestellt von Jan Ehlert

Im Westen wird er gefeiert als Kämpfer für die Pressefreiheit, sogar als Kandidat für den Friedensnobelpreis war er im Gespräch. In seiner Heimat, der Türkei, gilt Can Dündar dagegen als Landesverräter. Der langjährige Chefredakteur der Zeitung "Cumhuriyet" wird per Haftbefehl gesucht, ihm droht eine lange Freiheitsstrafe. Seit dem Putschversuch in der Türkei im Juli 2016 lebt Dündar im Exil, derzeit in Berlin. Seine Erfahrungen und Erlebnisse der vergangenen anderthalb Jahre hat er im Hoffmann & Campe Verlag veröffentlicht.

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Can Dündar wurde von der Organisation Reporter ohne Grenzen mit dem Menschenrechtspreis ausgezeichnet.

Ein Zeitungsbericht machte ihn zum Landesverräter: Wegen der Veröffentlichung eines Staatsgeheimnisses saßen Can Dündar und weitere Journalisten mehrere Monate im Gefängnis. Er hatte aufgedeckt, dass der türkische Geheimdienst illegal Waffen nach Syrien lieferte. Nach der Entlassung aus der Haft flog Dündar nach Spanien, Kräfte sammeln - und erlebte dort den Putschversuch des türkischen Militärs. Und: den Gegenschlag des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

"Die Ersten, die aus dem Haus geholt wurden, waren die Richter, die mit ihrer Unterschrift unsere dreimonatige Haft beendet hatten, ihren Beschluss hatte Erdogan damals mit 'Ich erkenne ihn nicht an, ich respektiere ihn nicht, ich halte mich nicht daran', kommentiert. Auf den Posten eines dieser Richter wurde ein Berater Erdogans gesetzt. […] Der Staatsanwalt aber, der den Haftbefehl beantragt und für meinen Prozess die Anklageschrift mit der Forderung auf zweimal lebenslänglich verfasst hatte, wurde zum Generalstaatsanwalt von Istanbul befördert. Bald darauf wurde der Attentäter, der vor dem Gericht auf mich geschossen hatte, freigelassen. Stein für Stein wurde der Weg zur Hölle gepflastert." Leseprobe

"Man muss sich an die Einsamkeit gewöhnen"

Für Dündar war klar: Eine Rückkehr in die Türkei war hochgefährlich geworden. Ein Freund, der Vorsitzende der "Cumhuriyet"-Stiftung, der nach Istanbul reiste, wurde noch am Flughafen festgenommen. Und so begann für Dündar die Zeit seines Exils - zunächst ohne Arbeit, ohne Geld und ohne seine Frau, der die Ausreise aus der Türkei verweigert wurde. In seinem Essay "Einsamkeit" findet er berührende Worte für dieses Gefühl des Verlassenseins.

"Man muss sich an die Einsamkeit gewöhnen. […] Muss die Gewohnheit fallenlassen, sich in Nächten, die man mit einem wehmütigen Lied verbringt, nach einer Schulter zum Anlehnen zu sehnen. Muss aus Romanen Zitate, die Einsamkeit preisen, überall in der ganzen Wohnung sichtbar aufhängen. Muss den Anrufbeantworter besprechen: Im Moment ist niemand da, der antworten könnte - vielleicht wird auch nie mehr jemand da sein." Leseprobe

900.000 Schulbücher wurden verbrannt

Auch dieser Text wurde in der Türkei verboten. 900.000 Schulbücher, in denen er abgedruckt war, wurden verbrannt. Es ist erschreckend zu lesen, wie rigoros Erdogan gegen seine Kritiker vorgeht. Wie Zehntausende Richter, Beamte und Journalisten entlassen oder verhaftet werden. Wie Dündar selbst in den sozialen Netzwerken, aber auch in den türkischen Tageszeitungen angefeindet und bedroht wird. Aber: Es stimmt hoffnungsvoll, dass er - gerade in Deutschland - viele Unterstützer fand, die ihm durch die ersten Monate seines Exils halfen.

"Wie ein Schiffbrüchiger war ich in Berlin gelandet, doch bald fand ich zahlreiche Freunde, die mit mir gemeinsam zur Tür liefen, als schlechte Tage anklopften. Die meisten hatte ich gerade erst kennengelernt. Aber sie wussten um meinen Schiffbruch, sahen, welchen Kampf wir ausfechten, und wollten nach Kräften helfen. Dank ihnen gelang es mir, den ersten Schock rasch zu überwinden. […] Mein altes Leben versank im Kummer, doch das neue begrüßte mich mit vielversprechendem Lächeln." Leseprobe

Die Freiheit des Wortes ist stärker

Und so ist dieses Buch auch ein Buch der Hoffnung - dass die Freiheit des Wortes sich am Ende als stärker erweist als seine Gegner: Mit dem Online-Projekt "Özgürüz" hat Dündar eine neue Plattform gefunden, auf der er mit anderen Journalisten weiter seine Stimme erhebt. Auch davon erzählt er in diesem Buch, das auch als Kampfansage an die türkische Regierung verstanden werden kann: "Das ist noch nicht das Ende", heißt der letzte Satz. Denn so lange Dündar schreiben kann, wird er es weiter tun.

Verräter. Von Istanbul nach Berlin

von
Seitenzahl:
192 Seiten
Verlag:
Hoffmann und Campe
Veröffentlichungsdatum:
5. Oktober 2017
Bestellnummer:
978-3-455-00188-4
Preis:
20 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 05.10.2017 | 09:50 Uhr

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