Stand: 10.12.2015 13:54 Uhr

Den Pfad des ewigen Wachstums verlassen

Kritik der grünen Ökonomie
von Thomas Fatheuer, Lili Fuhr, Barbara Unmüßig; Herausgeber: Heinrich Böll-Stiftung
Vorgestellt von Claudia Plaß

Grüne Ökonomie - unter diesem Begriff verstehen wir grünes Wachstum, also nachhaltiges Wirtschaften, umwelt- und sozialgerecht. Das alles für eine bessere Zukunft. Aber mehr Wachstum und trotzdem grün, geht das? Die Heinrich-Böll-Stiftung hat ein Buch herausgegeben, das sich mit dieser Frage auseinandersetzt. "Kritik der grünen Ökonomie" heißt das Buch. Die Autoren Thomas Fatheuer, Lili Fuhr und Barbara Unmüßig beschreiben darin, warum sie grüne Ökonomie nicht für nachhaltig halten.

Nicht alles, was grün daherkommt, ist tatsächlich grün. Gleich zu Beginn machen die Autoren in ihrer "Kritik der grünen Ökonomie" deutlich, worum es ihnen geht.

"Müssen wir nicht alle Energie auf die Überwindung der braunen, fossilen Wirtschaft richten? Fordert die Umweltbewegung nicht genau das seit Jahrzehnten: eine Grüne Ökonomie? In der Tat. Die entscheidende Frage ist aber, was unter diesem Begriff verstanden und wie das Konzept einer Grünen Ökonomie konkret ausbuchstabiert wird. Nicht alles, was unter grüner Flagge segelt, verdient auch diesen Namen." Zitat aus dem Buch "Kritik der grünen Ökonomie"

Pflanzen konkurrieren für Teller und Tank

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Das Buch "Kritik der grünen Ökonomie ist im Oekom Verlag erschienen.

Barbara Unmüßig, Autorin und Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, spricht von einem Etikettenschwindel. Solange es, trotz moderner Technologien, um mehr Wachstum und um mehr Konsum ginge, gelinge es nicht, Ökonomie und Natur in Einklang zu bringen. Sie führt das Beispiel Biosprit an: "Indem wir zum Beispiel sogenannte Agrotreibstoffe anbauen, suggerieren wir, wir könnten Öl ersetzen mit nachwachsenden Rohstoffen. Dann stellen wir fest, dass wir zwar weiter unsere Automobile fahren und nichts an unseren Mobilitätsgewohnheiten ändern müssen, auf der anderen Seite aber in Zielkonflikte geraten." Denn der Anbau von Agrotreibstoffen treibt die Flächenknappheit voran. Auf den Äckern konkurrieren Pflanzen für Teller und Tank. Die Felder reichen für beides nicht aus, nachwachsende Rohstoffe müssen importiert werden.

Weiterer Buch-Tipp: "Wörterbuchs Klimadebatte"

Von "Agrartreibstoffe" über "Klimaflüchtlinge" und "Nullemission" bis hin zu "Weltklimarat" - die Klimadebatte hat viele Begriffe geprägt, mitunter sogar ein eigenes Vokabular erschaffen. Was steckt dahinter? Die Autoren des "Wörterbuchs Klimadebatte" nehmen mehr als 40 Schlüsselbegriffe unter die Lupe. Dabei liefert das Buch über die reine Begriffsklärung Analyse und Einordnung in die politische Diskussion. Das "Wörterbuch Klimadebatte" ist damit weit mehr als ein Nachschlagewerk. Empfehlenswert für alle, die die Vokabeln in der Klimadebatte nicht nur verstehen, sondern auch kritisch hinterfragen wollen.

"Wörterbuch Klimadebatte" von Sybille Bauriedl (Hrsg.)
Transcript Verlag Bielefeld, 332 Seiten, 29,99 Euro
Bestellnummer: ISBN 978-3-8376-3238-5

Nachhaltigkeit bleibt auf der Strecke

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Das "Wörterbuch Klimadebatte" ist beim Transcript Verlag erschienen.

Dies ist nur eines von vielen Beispielen, die die Schwachstellen der grünen Ökonomie aufzeigen. Auch der Versuch, für die Natur einen Geldwert zu bemessen, trägt nicht zur Nachhaltigkeit bei, ebenso wenig das Verrechnen nach dem Motto: "Für einen Flug von Berlin nach New York zahle ich 45 Euro extra für ökologische Ausgleichsmaßnahmen." Die Ökologie, so argumentieren die Autoren, verkommt zu einer Begleiterscheinung, zum Wirtschaftswachstum.

"Alle Konzepte der Grünen Ökonomie stellen die Wirtschaft und Unternehmen als die wichtigsten Akteure in den Mittelpunkt. Der Homo oeconomicus alleine wird aber die Lösungen für die große Transformation nicht bringen." Zitat aus dem Buch "Kritik der grünen Ökonomie"

"Raus aus den Fossilen, rein in die Erneuerbaren"

"Die Kritik der grünen Ökonomie" bietet eine theoretisch-analytische Prüfung des Begriffs, ist dabei kurzweilig und liefert viele Beispiele und Erklärungen. Statt einer grünen Ökonomie schlagen die Autoren eine politische Ökologie vor. Und das bedeutet vor allem, den Pfad des ewigen Wachstums zu verlassen, sagt Barbara Unmüßig: "Das heißt: anders wirtschaften, radikalere Umkehr, raus aus den Fossilen, rein in die Erneuerbaren. Aber eben auch radikaler darüber nachdenken, dass wir weniger konsumieren müssen." Die Autoren warnen davor, sich selbst zu betrügen und zu glauben, dass es mit "ein bisschen grün angestrichener Wirtschaft" zu schaffen sei. "Wir sagen einfach noch mal, dass wir radikaler nach Alternativen suchen müssen."

Lesenswerter Beitrag zur Kontroverse

Dabei geht es neben dem Schutz der Natur auch um soziale Gerechtigkeit. Die "Kritik der grünen Ökonomie" nimmt hier dankenswerter Weise nicht für sich in Anspruch, Lösungen parat zu haben. Auch auf Regeln a la Veggie Day verzichten die Autoren. Stattdessen verstehen sie ihr Buch als Beitrag zur Kontroverse. Das ist gelungen. Äußerst lesenswert für alle, die sich fragen, wie wollen wir in Zukunft leben?

Kritik der grünen Ökonomie

von
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Oekom Verlag München
Veröffentlichungsdatum:
5. November 2015
Bestellnummer:
978-3-86581-748-8
Preis:
14,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 10.12.2015 | 10:20 Uhr