Stand: 26.03.2016 18:48 Uhr

Ein Evolutionsbiologe voll staunender Neugier

Die Poesie der Naturwissenschaften
von Richard Dawkins
Vorgestellt von Jan Ehlert
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Richard Dawkins wurde 1941 in der kenianischen Stadt Nairobi geboren. Sein Buch "Das egoistische Gen" erschien 1976.

Er ist berühmt für seine Bücher und Fernsehdokumentationen wie "Das egoistische Gen" oder "Der blinde Uhrmacher" - aber er ist auch berüchtigt für seine scharfen Angriffe gegen die Religion: Richard Dawkins, britischer Evolutionsbiologoe und Gründer der Richard Dawkins Foundation für Vernunft und Wissenschaft. Am 26. März wurde Dawkins 75 Jahre alt. Im Ullstein Verlag sind nun beide Teile seiner Autobiografie erstmals auf deutsch erschienen. "Die Poesie der Naturwissenschaften" heißt sie.

Menschen als "Überlebensmaschinen"

Was wäre, wenn Menschen und Tiere keinen eigenen Willen hätten? Wenn alles Leben allein der Tatsache dient, sich fortzupflanzen - und damit die eigenen Gene zu reproduzieren? Ein unerhörter Gedanke - der die Naturwissenschaft veränderte, erinnert sich der Leiter des Zoologischen Museums in Hamburg, Matthias Glaubrecht: "Wenn ein Löwenharem von einem neuen Männchen übernommen wird: Dass dieses Männchen dann die Jungtiere tötet, die von seinem Vorgängern gezeugt worden sind, das konnte man damals nur erklären als etwas Krankhaftes, Fehlgeleitetes. Während des Studiums in den 80er-Jahren war es geradezu ein Augenöffner, Richard Dawkins' 'Egoistisches Gen' zu lesen und plötzlich zu erkennen, dass hier eine ganz neue Interpretation der Natur auf der Grundlage von Charles Darwins Evolutionstheorie passiert."

Denn Dawkins denkt Darwins Idee von der Entstehung der Arten radikal weiter. Die natürliche Selektion in der Evolution - oft auch als Survival of the Fittest beschrieben - bezieht er nicht mehr auf die Arten selbst, sondern auf die Gene.Sie sind es, die andere Lebewesen nur noch als "Überlebensmaschinen" benutzen, um selbst ihren genetischen Code weiterzugeben. Ein Verleger habe ihm empfohlen, sein Buch "Das unsterbliche Gen" zu nennen, schreibt Dawkins - denn anders als Organismen bleiben Gene über Millionen von Jahren hinweg identisch.

Die Taxitheorie der Evolution

In seiner Autobiografie geht Dawkins natürlich auch auf diese These ein - doch nacherzählen will er seine Bücher nicht. Diese könne man schließlich lesen, schreibt er. Stattdessen erzählt er lieber Anekdoten, wie jene über ein japanisches Fernsehteam, das ihn zu "Das egoistische Gen" befragen wollte.

Sie kamen bepackt mit Stativen, Scheinwerfern, Reflektorschirmen und Kameraausrüstungen in einem Londoner Taxi. Der Regisseur war erpicht darauf, das Interview im fahrenden Auto zu führen. Erschwerend kam hinzu, dass der verstörte Taxifahrer aus London sich in Oxford nicht auskannte, so dass ich meine Ausführungen häufig unterbrechen musste, um "links abbiegen" zu rufen. Als wir zum New College zurückkehrten, wollte ich unbedingt wissen, warum das alles im Taxi stattfinden musste und erhielt die verblüffte Antwort: "Oh! Sind Sie nicht der Urheber der Taxitheorie der Evolution?"

Glaubrecht: Dawkins schießt übers Ziel hinaus

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Es war vermutlich ein Übersetzungsfehler, der aus der "Überlebensmaschine", ein Taxi machte und so zu diesem denkwürdigen Interview führte. Es mag aber auch daran gelegen haben, dass Dawkins Vorstellung, die auch den Menschen zu einem reinen Vehikel degradiert, zu radikal war, kritisiert Matthias Glaubrecht: "Es ist eine sehr überspitzte Darstellung. Wir können ihm zu 80 Prozent dankbar sein, dass er diesen Trend aufgegriffen hat. Aber, und das ist meine persönliche Meinung: In meinem Dafürhalten schießt Dawkins dann diese 20 Prozent über das Ziel hinaus und erklärt die Gene als scheinbar aktiv autonom handelnde organismische Einheiten, als Entitäten in der Natur. Und das sind sie mit Sicherheit nicht."

Und auch über den Begriff "Gen" lässt sich streiten. Dawkins verwendet ihn pauschal, ohne genauer zu bestimmen, von welchem der vielen unterschiedlichen bekannten Gene er spricht. Doch diese begrifflichen Unschärfen nimmt Dawkins in Kauf, um so seine Aussagen stärker zuspitzen zu können. "Dadurch erreicht er dann natürlich auch wieder andere Bevölkerungsschichten, wenn das möglichst pointiert gemacht wird. Das sind die Mittel, mit denen muss man wahrscheinlich auch arbeiten, um so eine Botschaft verkaufen zu können", sagt Glaubrecht.

Dawkins: Wissenschaft muss integraler Teil in unser aller Leben sein

Und um das Verkaufen geht es Dawkins in erster Linie. Darum, Debatten anzustoßen, die Wissenschaft wieder stärker in die Gesellschaft einzubinden. Das gelang ihm hervorragend - mit Büchern wie "Der blinde Uhrmacher" oder "Der entzauberte Regenbogen", aber auch mit Fernsehdokumentationen wie "Break the science Barrier" - "Durchbrich die Schranken der Wissenschaft". "Das Problem ist, dass Wissenschaft kein natürlicher Teil unseres Lebens ist", so Dawkins. "Meine Absicht war es, mit dieser Sendung zu zeigen, warum Wissenschaft aber ein integraler Bestandteil in unser aller Leben sein sollte."

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Küken wissen schon kurz nach der Geburt, woran sie Futter erkennen. Aber warum?

Dieses Anliegen macht vor allem den ersten Teil seiner Autobiografie aus: "Staunende Neugier" heißt dieses Buch - und diese Neugier kann Dawkins wunderbar vermitteln. Er lässt den Zauber seiner Kindheit in Afrika auferstehen, die er in wohlhabenden Verhältnissen erleben durfte, vor allem aber wird die Begeisterung spürbar, mit der er sich schon als Kind den Geheimnissen der Natur auf den Grund gehen wollte. Egal, ob es sich um Schilfrohrsänger, Grabwespen oder Hühner handelt.

Hühnerküken picken schon sofort nach dem Schlüpfen an kleinen Gegenständen herum, wahrscheinlich, weil sie nach Futter suchen. Aber woher wissen sie, woran sie picken müssen? Woher wissen sie, was gut für sie ist?

Ein Vorreiter der Wissenschaftsvermittlung

"Wir sind auf der Erkenntnisebene von Molekülen von Genominformationen angelangt, das Ganze ist sehr schwer darstellbar und vermittelbar", gibt Matthias Glaubrecht vom Zoologischen Museum zu. "Es ist unsere Aufgabe als Wissenschaftler, diese Vermittlung wieder herzustellen. Und Richard Dawkins ist da einer der Vorreiter, Wissenschaft auch in Kreisen zu vermitteln, die mit diesen abstrakten Details, zu denen die Wissenschaft vorgedrungen ist, nicht mehr viel anfangen können."

So erklärt sich auch der Titel der deutschen Ausgabe, die beide Teile der Autobiografie zusammenfasst: "Die Poesie der Naturwissenschaften". Ihre Schönheit will Dawkins verbreiten, sie wieder auch für Nicht-Naturwissenschaftler öffnen, so wie er umgekehrt daran arbeitet, Naturwissenschaftler für Gedichte und Geschichten zu begeistern.

Mit Erfolg: 1995 wurde Dawkins zum ersten Professor für die öffentliche Vermittlung von Wissenschaft in Oxford ernannt. Davon erzählt der zweite Teil der Autobiografie, "Eine Kerze im Dunkeln". Allerdings weicht Dawkins hier von seiner abschweifenden, anekdotenreichen Erzählweise ab und verweist in erschöpfender Länge auf die Verdienste anderer Wissenschaftler, die er für Vorlesungen gewinnen konnte. Spannender wäre es gewesen, seinen eigenen Lebensweg ausführlicher zu beleuchten. Doch möglicherweise ist ihm selbst die staunende Neugier etwas verloren gegangen. Statt den Wundern der Natur auf den Grund zu gehen, konzentriert sich Dawkins zunehmend auf den Kampf gegen den Kreationismus – also den Glauben an die Schöpfungsgeschichte der Bibel. Eine Diskussion, die er genauso verbittert wie unerbittlich führt.

Die Poesie der Naturwissenschaften

von
Seitenzahl:
736 Seiten
Genre:
Autobiografie
Verlag:
Ullstein
Veröffentlichungsdatum:
14.03.2016
Bestellnummer:
ISBN-13 9783550080678
Preis:
38 €

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NDR Info | Logo - Das Wissenschaftsmagazin | 26.03.2016 | 21:05 Uhr