Sendedatum: 11.03.2015 12:40 Uhr

Liebe und Verrat

Judas
von Amos Oz, aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Vorgestellt von Natascha Freundel
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Aus Judas, dem Verräter, macht Amos Oz in seinem Roman den ersten Christen.

In der christlichen Welt ist Judas der Verräter des Gottessohnes Jesus, so steht es im Neuen Testament, in der Übersetzung Martin Luthers und anderswo. Judas - das ist etwa auf Leonardo da Vincis Darstellung des letzten Abendmahls unter den zwölf Jüngern Jesu der finstere, bucklige, hakennasige Kerl mit dem Geldbeutel in der Hand.

"Judas" heißt der neue Roman von Amos Oz. Mehr als zehn Jahre nach seinem Welterfolg, dem Familienepos "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis", nach diversen Romanen, Erzählungen und Essays über die Tag- und Nachtseiten seines Heimatlands Israel, knöpft sich der 75-jährige Schriftsteller nun die verflixten Beziehungen zwischen Juden- und Christentum vor - aber nicht nur die.

Der berühmteste Kuss der Weltgeschichte

Jerusalem im Winter 1959/60: Amos Oz' Hauptfigur heißt Schmuel Asch, ist 25, Student der Geschichte und Religion, empfindsam, einsam und mittellos. Er forscht über "Jesus in jüdischer Perspektive", ein eigenwilliges Thema. Der Name Schmuel Asch erinnert an den Schriftsteller Scholem Asch, der seine jüdischen Leser Mitte des 20. Jahrhunderts mit einer Trilogie zu Jesus, Paulus und Maria schockierte. Doch auch von Asch zu Oz ist es kein sehr großer Schritt.

Das Neue Testament werde an keiner jüdischen Schule unterrichtet, so Amos Oz. Aber ungefähr mit 16 habe er begriffen, dass er klassische Kunst, Renaissance-Kunst, Bach oder Dostojewski nicht ohne das Neue Testament verstehen kann. Also las er es allein, im Kibbuz, und war sehr, sehr fasziniert von Jesus. Zugleich irritierte ihn die Schilderung von Judas, der Jesus mit einem Kuss verrät, diesem berühmtesten Kuss der Weltgeschichte.

Oz macht aus Judas den ersten Christen

In Schmuel Aschs Interpretation war Judas - wohlhabend, gebildet, klug - nicht nur der beste und ergebenste Schüler des Rabbis aus Nazareth: "Er war der erste Mensch auf der Welt, der aus ganzem Herzen an die Göttlichkeit Jesu glaubte." Der glaubte, würde Jesus in Jerusalem gekreuzigt werden und lebendig wieder hinuntersteigen, dann würde die ganze Welt diese Göttlichkeit erkennen. Und der sich erhängte, als der Mann, den er nur für das Schauspiel ans Kreuz geliefert hatte, qualvoll "an Blutverlust starb, wie jeder andere Mensch aus Blut und Fleisch". Aus Judas, dem Verräter, macht Amos Oz den ersten Christen. Eine Provokation für christliche Fundamentalisten? Sicher. Eine Antwort auf den christlich begründeten Antisemitismus.

Die Geschichte des Antisemitismus

Judas, der Verrat und der Judaskuss: Für Amos Oz ist diese Geschichte das Tschernobyl des jahrtausendealten Antisemitismus. Millionen christlicher Kinder muss es schwergefallen sein, zwischen Judas und Jude zu unterscheiden. Es ist beinah dasselbe Wort. Nicht einfach, sagt Oz. Mit Schmuel wollte er diesen Supergau, diese Zeitbombe entschärfen.

Amos Oz tut dies - und das ist der entscheidende Kunstgriff des Romans "Judas" - in einem mehrstimmigen Streitgespräch. Denn Schmuel Asch entwickelt seine Gedanken in einem mysteriösen Haus am äußersten Stadtrand Jerusalems, wo ihm für die geistreiche Unterhaltung mit einem gehbehinderten 70-Jährigen freie Kost und Logis gewährt wird.

Drei Meinungen unter einem Dach

Der Alte, Gershom Wald, ist Zionist im Sinne des israelischen Staatsgründers Ben Gurion. Er teilt sich das Haus mit Atalja, der 40-jährigen Witwe seines im Unabhängigkeitskrieg gefallenen Sohns. Und da ist noch der Geist von Ataljas verstorbenem Vater: ein Gegner des Zionismus wie jeder Idee von Nationalstaatlichkeit, ein Freund der Araber, der vom friedlichen Zusammenleben über alle Grenzen hinweg träumte.

Drei kalte, dunkle, ewig verregnete Monate verbringt Schmuel, der junge Student, mit diesen auf jeweils eigene Weise extremen Menschen. Schmuel, Wald und Atalja streiten, hassen, lieben sich. Und sie reißen den Leser mit, tief hinein in diesen sehr jüdischen Disput, voller Humor, Verzweiflung und Sehnsucht.

"Der Roman 'Judas' ist eine Kammermusik", sagt Amos Oz, "mit vielen verschiedenen Instrumenten und widersprüchlichen Meinungen. Wo ich da bin? Die Antwort lautet - außerhalb dieses Buchs. Ich stehe auf keiner Seite, oder besser: aufseiten jeder Figur."

Über das Zusammenleben zwischen Israelis und Palästinensern

Der Roman spielt im gerade einmal elfjährigen Staat Israel, doch die Fragen, die zwischen den Figuren verhandelt werden, sind aktuell wie eh und je. Wer ist ein Zionist und wer ein Verräter? Wie ist ein friedliches Zusammenleben zwischen Israelis und Palästinensern möglich? Taugt dafür das christliche Ideal der universalen Liebe? Die Antworten überlässt Amos Oz jedem Leser selbst. Die bildstarken Schilderungen des Zusammenlebens in diesem uralten Haus in Jerusalem aber legen nahe, dass Liebe eine verletzliche Angelegenheit zwischen wenigen Menschen ist.

"Das Herz des Romans ist nicht die Frage von Loyalität und Verrat", erklärt Oz. "Das Herz liegt woanders: Drei verschiedene Menschen, ein alter Mann, eine Frau in mittleren Jahren und ein junger Student leben für drei Monate im selben Haus. Anfangs sind sie einander vollkommen fremd, im Alter, in ihrem Denken, ihren Gefühlen. Aber irgendwie verändern sie sich im Laufe des Romans, sodass sie sich am Schluss beinah lieben. Das ist für mich fast ein säkulares Wunder."

Judas

von
Seitenzahl:
335 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp Verlag
Bestellnummer:
978-3-518-92479-7
Preis:
22,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.03.2015 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/buch/tipps/Amos-Oz-Judas-,judas102.html

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