Stand: 28.08.2017 11:51 Uhr

Wahnsinn Kita - zwei Erzieherinnen packen aus

Die Rotzlöffel-Republik: Vom täglichen Wahnsinn in unseren Kindergärten
von Susanne Schnieder, Tanja Leitsch
Vorgestellt von Kira Gantner

Kita-Kinder können richtige Kotzbrocken sein - und wer weiß das besser als Erzieherinnen? Susanne Schnieder und Tanja Leitsch packen aus. In ihrem Buch "Die Rotzlöffel-Republik" berichten sie vom "täglichen Wahnsinn in unseren Kindergärten".

Ein Kleinkind hat eine Krone auf dem Kopf und guckt grimmig.

Der tägliche Wahnsinn Kita

Kulturjournal -

Narzisstische Kinder, verhätschelnde Eltern und überforderte Betreuerinnen. In ihrem Buch "Die Rotzlöffel-Republik" berichten zwei Erzieherinnen aus ihrem Alltag.

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Einige Kinder sind zu Hause der Chef

"Meine Lieblingsgeschichte ist die des Jungen, der es einfach liebte, sich in seinem Müsli zu suhlen. Er fand es toll", erzählt Tanja Leitsch. Das Kind sei nicht verwahrlost gewesen, sondern die Eltern hätten es toll gefunden, dass ihr Kind diese Erfahrung macht.

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In ihrem Buch berichten die Erzieherinnen aus dem Kita-Alltag. Unverständnis, Wut, Hilflosigkeit - all das schwingt bei ihren Beispielen mit. Tanja Leitsch hat den Job als Erzieherin aufgegeben, auch, um dieses Buch zu schreiben. Die zweite Autorin, Susanne Schnieder, schreibt unter einem Pseudonym. Sie arbeitet nach wie vor als Kitaleiterin und will deshalb anonym bleiben. Sie sagt, das Verhalten der Kinder habe sich dahingehend geändert, dass sie zuweilen zu Hause lernen würden, dass sie dort Chef seien und dass sich der Alltag um sie drehe. "Meine Kollegin hat es erlebt, dass eine Dreijährige vor ihr steht und sagt: Du hast mir gar nichts zu sagen."

Erzieherinnen werden als "Nutte" und "Schlampe" beschimpft

Egoistische Kinder, die keinen Respekt vor anderen haben und von ihren Eltern trotzdem in Schutz genommen werden, sind inzwischen Alltag in deutschen Kitas, so die Autorinnen. Als ein Kind sie Schlampe und Nutte genannt hat, sie bespuckt und gekratzt hat, habe sie zum Elterngespräch eingeladen, sagt Susanne Schnieder. "Die Eltern haben uns den Vorwurf gemacht, wir wollen den Willen des Kindes brechen. Nein, wir wollen nicht den Willen brechen, habe ich gesagt. Wir wollen nur nicht mehr Nutte, Schlampe oder sonst wie genannt werden."

"Die Eltern sagen immer weniger Nein"

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Erzieherin Tanja Leitsch: "Setzt euren Kindern Grenzen. Sie werden euch dafür lieben."

Die Erzieherin sagt, die Kinder würden nicht aus prekären Verhältnissen stammen - das sei der Unterschied zu früher. Verhaltensauffällige Kinder kämen immer öfter aus Akademikerfamilien. Diese Eltern sähen Erzieher als Dienstleister. Sie sollten all das übernehmen, wozu die Eltern selbst keine Zeit mehr haben. Die Ursache sieht Schnieder im stressigen Alltag. "Alle müssen pünktlich sein und alle müssen noch mehr arbeiten und ich glaube, dass versucht wird, das wettzumachen." Die Eltern würden immer weniger Nein sagen und denken, sie müssten das wiedergutmachen, was sie an kostbarer Zeit nicht für ihre Kinder haben. Tanja Leitsch sagt, viele Eltern würden mit Grenzen setzen Spießigkeit verbinden und wollten von ihren Kinder geliebt werden. "Dabei tut es Kindern so unendlich gut, wenn sie begrenzt werden."

Kita soll alles sein: Bildungseinrichtung, Dienstleister, Ersatzfamilie

Kinder blieben teilweise bis zu zwölf Stunden in der Kita - länger als ein Arbeitstag ist. Kita soll heute alles sein: Bildungseinrichtung, Dienstleister, gar Ersatzfamilie. Manche der Kinder seien noch nicht einmal trocken. Doch wie soll die Erzieherin da helfen, wenn sie sich um rund 20 Kinder kümmern muss? Susanne Schnieder macht das traurig. "Ich belege Seminare zur Kindeswohlgefährdung und ich habe inzwischen das Gefühl, ich beteilige mich tagtäglich selber an dieser Kindeswohlgefährdung", sagt die Erzieherin.

In einer Studie in Nordrhein-Westfalen gab jede fünfte der befragten Erzieherinnen an, sie sei erschöpft und ausgebrannt. Rund die Hälfte von ihnen bekam vom Arzt die Diagnose Burn-out. "Ich habe seit Jahren Schlafstörungen, ich habe sehr starke Magenbeschwerden", ihr Arzt würde ihr empfehlen zu kündigen, sagt Schnieder. Das ginge aber nicht, weil sie selber zwei Kinder habe, die sie noch finanziell unterstützen müsse. "Eine Art Einbahnstraße."

"Setzt euren Kindern Grenzen. Sie werden euch dafür lieben"

Die Autorinnen wünschen sich, Eltern würden die Bedürfnisse ihrer Kinder erkennen und eine Bindung mit ihnen eingehen. "Und spüren, dass Kinder ein Zuhause brauchen, dass sie Familie brauchen, dass sie Zeit mit ihren Eltern brauchen und dass da ein Kindergarten nicht mit in Konkurrenz treten kann." Die Autorinnen geben den Eltern mit: Setzt euren Kindern Grenzen. Sie werden euch dafür lieben.

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Die Rotzlöffel-Republik: Vom täglichen Wahnsinn in unseren Kindergärten

Seitenzahl:
232 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Ecowin
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 28.08.2017 | 22:45 Uhr

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