Stand: 28.04.2017 15:16 Uhr

Gewinner und Verlierer der Digitalisierung

Der stille Raub. Wie das Internet die Mittelschicht zerstört und was Gewinner der digitalen Revolution anders machen
von Gerald Hörhan
Vorgestellt von Claudia Venohr, NDR Info

Die Digitalisierung wird zu radikalen Veränderungen in praktisch allen Lebensbereichen führen. Das hat gravierende Folgen. Vor allem für die Mittelschicht, meint der Wiener Unternehmer Gerald Hörhan, der dazu ein Buch schrieb: "Der stille Raub. Wie das Internet die Mittelschicht zerstört und was Gewinner der digitalen Revolution anders machen".

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Gerald Hörhan nennt sich selbst einen "Investment-Punk".

Gerald Hörhan empfängt in Jeans, T-Shirt und schwarzer Lederjacke. Er nennt sich Investment-Punk. Darunter firmiert auch sein neuestes Start-up: eine Online Wirtschafts-Akademie, im teuersten Stadtbezirk Wiens.

Der Investmentbanker, Mathematiker und Betriebswirt mit Harvard-Abschluss passt bewusst nicht ins klassische Klischee der Immobilien-und Finanzwelt. Mit dieser Old Economy ist er zwar Multimillionär geworden, aber die habe, so wie bisher, keine Zukunft: "Als Investmentbanker und Immobilieninvestor, wenn sie es gut machen, verdienen sie gutes Geld und gehören zur gesellschaftlichen Elite oder zumindest gehörten. Aber das wird sich in Zukunft ändern, weil die gesellschaftliche Elite werden die Techies, die Nerds, die Mathematiker und diese Leute stellen, die eben de facto die New Economy steuern und aufbauen."

Ein Tablet PC liegt auf einem Zeitungsstapel. © dpa picture alliance

"Digitalisierung zerstört die Mittelschicht"

NDR Info -

Das Internet wird die Mittelschicht zerstören und viele Jobs kosten, wenn die Politik nicht gegensteuert, sagt Buchautor Gerald Hörhan im Interview mit Claudia Venohr.

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Anpassen, um nicht zu verlieren

Vor drei Jahren besuchte der 41-Jährige Seminare der "Milchgesichter in Business Jets", wie Hörhan die neue Elite in seinem Buch "Der stille Raub" nennt. Im kalifornischen Silicon Valley und in Florida sei ihm klar geworden, wer sich nicht rasch an die Digitalisierung anpasse, gehöre zu den Verlierern, auch traditionelle Unternehmensbranchen: "Es kann gewisse Grenzen geben, das möchte ich nicht ausschließen, aber was nicht heißt, dass sich nicht in den nächsten fünf bis zehn Jahren schlicht und einfach die Wirtschaftswelt und jeder Job und jedes Geschäftsmodell ändern wird."

Das Olympia-Prinzip

Neuere digitale Geschäftsmodelle, wie sie der Ferienwohnungsvermittler Airbnb betreibe, führten vor, was passiere. Bis vor Kurzem hätten Hotelmanager dieser Plattform noch ein schnelles Ende prophezeit. Nun sei sie ihr schärfster Konkurrent. Es sei absehbar, dass Airbnb bald mehr wert sei als die größten Hotelketten zusammen. Hörhan spricht in diesem Zusammenhang vom Olympia-Prinzip: "Die, die falsch positioniert sind, werden deutlich verlieren, und die anderen werden gewinnen. Die einen werden durch eine starke Marke und eine starke Online-Präsenz wesentlich mehr vom Markt haben, die anderen weniger. Das ist das Olympia-Prinzip 'The winner takes it all'. Das liegt in der Natur des Internets inhärent."

Gefahr mächtiger Monopole oder Oligopole

Der Sieger bekommt alles. Deshalb wachse die Gefahr mächtiger Monopole oder Oligopole, die andere Firmen aufkauften und komplett vom Markt verdrängten, massive Jobverluste verursachten und auch der Politik die Stirn böten, warnt Hörhan in seinem Buch. Er beschreibt, wie die digitale Elite tickt: "Manche sind Turbo-Kapitalisten, manche wollen Gemeinwohl-Ökonomie. Wo sich alle einig sind, ist, dass das etablierte System schlecht ist, bürokratisch ist, korrupt ist und verändert gehört und, dass sie mit allen Kräften dieses System verändern wollen und bereit sind, dafür sehr viel zu arbeiten und sehr asketisch zu leben."

Politik ist am Zug

Ein Beispiel: Aus dem kleinen Suchmaschinen-Start-up Google wurde in nicht einmal 20 Jahren - nach Apple - der zweitteuerste und mächtigste Konzern der Welt. Die digitale Elite beeinflusse und bestimme, wie wir künftig leben werden, so Hörhan.

Der Autor ärgert sich maßlos, dass die Politik diese Entwicklung regelrecht verschlafe. Sie müsse die Bevölkerung, vor allem die Mittelschicht, schnellstens auf die Veränderungen vorbereiten. Lernsysteme und Lehrpläne von Schulen und Universitäten seien überholt: "Man lernt nicht richtig denken. Man lernt nichts über die digitale Ökonomie, man lernt nichts über Wirtschaft oder über unsere politischen Systeme oder Gesundheit. Dafür lernt man wie der Dinosaurier, in welchem Winkel, was der gemacht hat und welcher König welche Schlacht im Jahr 1514 geschlagen hat. Das klassische Schul- und Universitätssystem bereitet die Menschen de facto gar nicht oder sogar negativ auf den Arbeitsmarkt vor."

Eine schleichende und unterschätzte Gefahr

Klare Worte, die keinen Zweifel kennen. Was folgt daraus? "Die digitale Revolution entzieht der Mittelschicht die ökonomische, intellektuelle und kulturelle Basis", schreibt Hörhan in seinem Buch. Eine schleichende Gefahr, die von vielen Menschen, eben auch von Politikern, völlig unterschätzt werde. Im Buch geht es auch um ungelöste sozialpolitische, ethische oder rechtliche Fragen des digitalen Wandels, die der Querdenker Hörhan leider nicht sehr vertieft.

Dennoch gibt das Buch auf knapp 200 Seiten einen guten Überblick. Eine kurzweilige Lektüre, empfohlen allen, die sich bisher noch kaum mit der digitalen Revolution befasst haben.

Der stille Raub. Wie das Internet die Mittelschicht zerstört und was Gewinner der digitalen Revolution anders machen

von
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
edition a
Veröffentlichungsdatum:
25.02.2017
Bestellnummer:
ISBN: 978-3990012123
Preis:
21,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 28.04.2017 | 11:20 Uhr

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