Stand: 04.09.2017 15:39 Uhr

Buch der unübersetzbaren Wörter

Lost in Translation
von Ella Frances Sanders
Vorgestellt von Lydia von Freyberg
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Unübersetzbare Wörter aus der ganzen Welt hat Ella Frances Sanders in "Lost in Translation" gesammelt.

Manchmal braucht es ein Wort, um etwas wirklich zu sehen. "Komorebi". So nennen Japaner "Sonnenlicht, das durch die Blätter von Bäumen schimmert". Manchmal braucht es ein Wort, um etwas wirklich zu spüren. "Sgrìob". Für den Iren das eigenartige Kribbeln auf der Oberlippe, bevor man einen Schluck Whiskey nimmt. Und manchmal braucht es ein Wort, um etwas rauslassen zu können, einen Zustand, der sich genauso furchtbar anfühlt wie er klingt: "Kaapshljmurslis". Eine kongeniale lettische Wortfindung für "das unangenehme Gefühl, in überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln eingequetscht zu sein".

"Viele Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen"

Ella Frances Sanders hat in "Lost in Translation" Wörter gesammelt, die es nur in einer Sprache gibt und die sich nicht übersetzen lassen. Marion Herbert hat das Werk ins Deutsche übersetzt. "Ich glaube, dass die Gefühle gar nicht unbedingt so unterschiedlich sind", sagt sie. "Ich glaube, das Buch zeigt gerade, dass es sehr viele Gemeinsamkeiten gibt zwischen den verschiedenen Kulturen. Wir haben nur eine andere Art, diese Gefühle auszudrücken."

Wie lange braucht man, um eine Banane zu essen?

"Poronkusema": Das finnische Wort bezeichnet die Entfernung, die ein Rentier zurücklegt, bis es ein Pinkelpäuschen braucht - nach etwa 7,5 Kilometern. Ähnlich stoisch: das malaysische "Pisan Zapra". Die Zeit, die man braucht, um eine Banane zu essen. Es mag Unterschiede geben von Mensch zu Mensch und von Banane zu Banane - egal. Sprache, das ist auch Weltanschauung, Geisteshaltung. Dramatisch-poetisch ist der Franzose: "Feuille-Morte". Die Farbe von einem verwelkten Blatt. Der Deutsche würde das "rotbraun" nennen. "Dieses Feuille-Morte heißt wörtlich 'totes Blatt', das können wir nicht so schön in ein Adjektiv packen", sagt Übersetzerin Herbert. "Aber wir haben dafür andere Wörter im Deutschen, die Dinge ganz toll ausdrücken können, die andere Sprachen vielleicht nicht haben. Zum Beispiel das Wort 'Habseligkeiten'. Das kann man glaube ich ganz schwer ins Englische oder Französische übersetzen, weil so viel mitschwingt im Deutschen."

Exklusiv deutsch: "Warmduscher" und "Kummerspeck"

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Marion Herbert hat "Lost in Translation" ins Deutsche übersetzt.

Ebenfalls exklusiv deutsch, weil unübersetzbar, ist das Wort "Warmduscher“. Überhaupt sind Komposita eine deutsche Spezialität: aus zwei Dingen, die nicht zusammengehören, etwas Neues machen, wie "Kabelsalat" oder "Kummerspeck". Wittgenstein sagte: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Wir machen Sprache, die Sprache macht uns. "Kilig" ist philippinisch und bezeichnet "das Gefühl, Schmetterlinge im Bauch zu haben". Alle versuchen, die Liebe zu fassen, wie Marion Herbert sagt: "'Ya‘aburnee' stammt aus dem Arabischen. Das bedeutet wörtlich, 'du begräbst mich', und ist aber eigentlich sehr positiv gemeint und heißt 'ich habe den Wunsch, vor dir zu sterben, denn ich möchte nicht ohne dich leben müssen.' Das ist eigentlich was sehr Nettes, das dann auf so eine makabere Art ausgedrückt wird."

Worte, so kompliziert wie das dazugehörige Gefühl

"Mamihlapinatapai": Ein Wort, so kompliziert wie das Gefühl. In Yaghan, Feuerland, bedeutet es eine stillschweigende Übereinkunft zwischen zwei Menschen, die sich beide das Gleiche wünschen - und beide nicht den ersten Schritt tun wollen. "Mamihlapinatapai" eben. Das erspart einem das bittere Ende, nämlich "Razliubit". So versuchen der Russe und die Russin zu fassen, wenn es vorbei ist mit den großen Gefühlen. Einen reichen Wortschatz hat die Menschheit - Wort-Schatz. Also empfehlen wir: Aufs Meer schauen und genießen, wenn der schwedische Mond mal wieder "Mangata" macht - eine Spieglung auf dem Wasser, die wie eine Straße aussieht. Und einen Fehler sollten Sie bitte nicht machen: "Tsundoku". Das ist Japanisch für "ein Buch ungelesen lassen, nachdem man es gekauft hat, und es zu den anderen ungelesenen Büchern legen." Tun Sie es nicht. Nicht mit diesem Buch.

Lost in Translation

von
Seitenzahl:
112 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Dumont
Bestellnummer:
978-3-8321-9849-7
Preis:
18 €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 06.09.2017 | 00:00 Uhr

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