Stand: 10.08.2017 15:32 Uhr

Zwei Männer, zwei Werke und eine kleine Notiz

Und Marx stand still in Darwins Garten
von llona  Jerger
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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llona Jerger, aufgewachsen am Bodensee, war von 2001 bis 2011 Chefredakteurin der Zeitschrift "natur".

Die Germanistin und Politologin Ilona Jerger hat bisher eher als Journalistin oder Sachbuchautorin gearbeitet. Nun hat sie ihren ersten Roman geschrieben, in dem viel profundes Wissen steckt, aber auch eine große Erzähl- und Fabulierfreude. "Und Marx stand still in Darwins Garten" verrät schon, welche beiden Hauptfiguren die Romanbühne betreten.

Was Marx und Darwin gemeinsam haben

Über Charles Darwin wollte Ilona Jerger schon lange schreiben. Sie hat sich intensiv beschäftigt mit dem Mann, der in den Augen vieler Menschen den Schöpfer abschaffte und dafür die Evolution erfand. Bei ihren Recherchen stieß sie auf einen kleinen Hinweis, dass Karl Marx sein Werk "Das Kapital" an Darwin mit einer Widmung geschickt hat. "In dem Moment dämmerte mir, dass die beiden zur gleichen Zeit gelebt haben. Diese Erkenntnis hat mich regelrecht elektrisiert. Was haben zwei Männer, die zwanzig Meilen voneinander entfernt zur selben Zeit Werke schreiben, die die Menschheit nie wieder loslassen werden, miteinander zu verhandeln?", sagt Ilona Jerger in einem Interview. Darwin und Marx haben sich in Wirklichkeit nie getroffen.

Bezüge zu Darwins Evolutionslehre im "Kapital"?

Ilona Jerger erfindet in ihrem Roman eine solche Begegnung der beiden, erzählt, wie ihr Gespräch hätte sein können. Sie hat sich dazu durch das "Kapital" gekämpft und darin auch nach Bezügen zu Darwins Erkenntnissen gesucht. Es gibt aber durchaus für die Leser "Erholungspassagen" im Text, in denen nicht viel passiert, nur der Arzt Dr. Beckett kümmert sich um die zahlreichen Malaisen der beiden alten Männer. Beide leiden unter Hypochondrie, Migräne, Schlaflosigkeit und Hautproblemen. Marx ist zusätzlich lungenkrank. Dr. Beckett ist ein modern denkender, charismatischer Arzt, der begriffen hat, dass beruhigende Gespräche wirksame Medizin sind, auch bei seinen beiden hochintelligenten Patienten.

"Und wissen Sie was, lieber Beckett? Seit geraumer Zeit stelle ich dieses kindliche Verlangen nach Erklärungen bei mir selber fest. Meine Fleißarbeiten hinterlassen immer öfter ein Gefühl der Unvollständigkeit. Mein Leben lang habe ich in großem Maßstab Tatsachen gesammelt, indem ich Natur zerschnitten, zerlegt, zerteilt und zergliedert habe ..." Leseprobe

Darwin kommt als unermüdlicher Zweifler und Forscher daher. Marx eher als derjenige, der überzeugt ist, die Welterkenntnis mit Suppenlöffeln gefuttert zu haben. Dr. Beckett, der seine Patienten regelmäßig fragt, was sie selbst über ihre Erkrankung denken, wundert sich bei Marx:

"dass jemand, der über Wertform und Mehrwert so staubtrocken schrieb, in dieser saftigen Weise sprach." Leseprobe

Marx erklärt es ihm:

"Objektive Wissenschaft braucht nicht die Sprache Shakespeares oder Heinrich Heines ... Was soll daran so schwer sein? Vielleicht hat es Ihnen an Geduld gemangelt. Wenn sogar ein englischer Käfersammler es auf Deutsch verstanden hat." Leseprobe

Dr. Beckett vermittelt dem selbstbewussten, aber durchaus eitlen Marx, dass Darwin sein Werk schätzt und rühmt.

Bekenntnisse gegenseitiger Wertschätzung

Marx liest seinerseits auch Darwins Schriften und erkennt:

"Er hat für den Materialismus und damit den Kommunismus die naturwissenschaftliche Grundlage geschaffen." Leseprobe

Der Roman von Ilona Jerger bewältigt nicht nur viel Ideengeschichte der beiden großen Denker des 19. Jahrhunderts, er ist nebenbei auch kühn und souverän geschrieben - und gut zu lesen. Ihr Roman erinnert an Kehlmanns "Vermessung der Welt" mit Humboldt und Gauss als Hauptfiguren oder Köhlmeiers Roman über Churchill und Chaplin, die sich allerdings wirklich getroffen haben. Die Entscheidungen der Jury für den Deutschen Buchpreis sind ein wenig wie die auf hoher See oder vor Gericht, aber auf der Longlist hätte es dieser Roman unbedingt schaffen müssen.

Und Marx stand still in Darwins Garten

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Ullstein
Bestellnummer:
978-3-550-08189-7
Preis:
20,00 €

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