Stand: 01.09.2015 00:00 Uhr

NDR Buch des Monats: "Über den Winter"

Über den Winter
von Rolf Lappert
Vorgestellt von Heide Soltau
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Der neue Roman von Rolf Lappert steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Der Schriftsteller Rolf Lappert, 1958 in Zürich geboren, zählt zu den großen Erzählern der Schweiz. Für den Roman "Nach Hause schwimmen" bekam er 2009 den Schweizer Buchpreis. Drei Jahre später erschien das Jugendbuch "Pampa Blues", das für das Fernsehen verfilmt wurde und das zahlreiche Theater für die Bühne adaptierten. "Über den Winter" heißt sein neuer Roman, mit dem es Rolf Lappert auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat.

Eine düstere Metapher für Europa

Lennard Salm ist einer jener Männer, die nicht erwachsen werden wollen: kreativ und flexibel und mit 49 Jahren immer noch Single mit wechselnden Freundinnen. Ein Künstler mit Atelier in New York und Ausstellungen, die immerhin in den großen Feuilletons Beachtung finden. Dank eines großzügigen Mäzens kann er von seiner Arbeit sogar leben. Dieser Salm, wie Rolf Lappert ihn meist nur nennt, steht im Mittelpunkt des Romans "Über den Winter".

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Rolf Lappert zählt zu den großen Erzählern der Schweiz.

Das Buch beginnt mit einem Prolog. Salm ist im Ferienhaus seines Mäzens im Süden untergekrochen. Ort und Zeit werden nicht genannt. Ein schwerer Sturm hat Treibgut an Land geschwemmt, darunter auch zahlreiche Kleidungsstücke und Koffer. In der Nähe liegt eine halb verlassene, von marodierenden Jugendbanden mit Steinen attackierte Siedlung. Ein paar Männer versuchen noch, diese zu verteidigen. "Das ist ein Sinnbild für das, was Europa gerade mit Zäunenhochziehen macht", sagt Lappert. "Das machen die auch. Der eine schlägt dann vor, wir können noch NATO-Stacheldraht oben auf den Zaun montieren. Und das wollte ich bewusst nicht irgendwo verorten. Das ist irgendeine Küste am Mittelmeer."

Treibgut als Kunstobjekt

Die verstörende Szenerie erinnert an einen Bürgerkrieg. In dieser Umgebung beschäftigt sich Salm mit seinem neuen Kunstprojekt. Er will das Treibgut zu einer Installation verarbeiten, "der Welt das Elend mit den Mitteln der Kunst zugänglich machen", wie es heißt, inklusive "ein paar Provokationen und politischen Unkorrektheiten" - bis er in einem angeschwemmten Ruderboot einen toten Säugling findet und ihn die Nachricht vom Tod seiner älteren Schwester Helene erreicht.

Salms Leben gerät aus den Fugen und damit beginnt die eigentliche Handlung. Er reist zur Beerdigung nach Hamburg. Zwischen ihm und der Hansestadt habe es beim ersten Besuch sofort gefunkt, erzählt Rolf Lappert: "Als ich dann die Idee zu dieser Geschichte hatte, wusste ich, ich brauche jetzt eine Stadt, wo diese Beerdigung stattfindet und ich möchte endlich mal einen Roman schreiben, der im Winter spielt. Alle meine anderen Romane spielen immer im Sommer, sogar im Hochsommer. Jetzt will ich mal einen Roman schreiben, wo die Leute frieren müssen, wo es ständig dunkel ist und kalt - und was passt besser als Hamburg? Weil es eine tolle Stadt ist, weil hier ganz viel nebeneinander liegt."

Schauplatz ist nicht die gutbürgerliche Kaufmannsstadt, sondern das bunte, gemischte, mehrsprachige Wilhelmsburg zwischen Trostlosigkeit und ländlicher Idylle. Dort ist Salm nach der Scheidung der Eltern beim Vater aufgewachsen, zusammen mit seiner jüngeren Schwester Bille.

Das Drama, sich ungeliebt zu fühlen

"Über den Winter" erzählt in sechs Kapiteln die komplizierte Familiengeschichte der Salms, erzählt von zerbrochenen Träumen, einer ungewollten Schwangerschaft, Betrug und Geheimniskrämerei und dem Drama, sich ungeliebt zu fühlen. Auf der Beerdigung trifft Lennard Eltern und Geschwister wieder, und diesmal gelingt es ihm nicht, sich wie sonst aus den emotionalen Verstrickungen herauszuhalten.

Porträt

Ein Sommerroman-Autor auf Abwegen

Aufgewachsen ist Rolf Lappert in Olten, in der Mitte der Schweiz. In jüngeren Jahren verbrachte er die Winter in Asien. Wohl auch deshalb spielten seine Romane bislang immer im Sommer. mehr

Rolf Lappert schildert, wie der knapp 50-Jährige sich auf die familiären Bindungen einzulassen beginnt und darauf, Verantwortung für seinen alten Vater zu übernehmen. "Er macht einen Prozess durch, zuerst mit großem Widerstreben", erzählt Lappert. "Die Vorstellung, sich um seinen Vater zu kümmern, ist für ihn nicht gerade prickelnd. Er würde lieber nach der Beerdigung sein altes Leben aufnehmen, als Künstler durch die Welt reisen, in New York Zeit verbringen, und merkt dann eigentlich Schritt für Schritt, dass es auch für ihn wichtiger ist, die Beziehung zu seiner Familie aufzunehmen."

Salm begreift, dass die Nähe, die er immer abgewehrt hat, weil sie ihm zu riskant und einengend erschien, auch ihn bereichert. Die Wandlung vom hippen Künstler, der sich ausschließlich für seine eigenen Belange interessiert und der persönlichen Freiheit frönt, zum liebevoll zugewandten Menschen, mag etwas dick aufgetragen sein. Salm kümmert sich am Ende auch noch um die greise Nachbarin seines Vaters und um ein ausgesetztes Pferd. Aber Rolf Lappert gelingt in seinem Roman das fesselnde Porträt eines Mannes, der mit knapp 50 schließlich doch noch erwachsen wird.

Lesungen mit Rolf Lappert in Norddeutschland

01.09.2015, 20 Uhr: Buchhandlung Litera, Holtenauer Straße 55, Kiel
24.09.2015, 20 Uhr: Buchhandlung Friedrich Schaumburg, Gr. Schmiedestraße 27, Stade
24.11.2015.: Buchhandlung zur Heide e.K., Osnabrück
25.11.2015: Scheller Boyens Buchhandlungen GmbH, Heide
26.11.2015: Buchhandlung Slawski, Bremer Straße 3, Buchholz in der Nordheide
10.03.2016: Literaturkreis Wolfsburg e.V., Wolfsburg

Über den Winter

von
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Bestellnummer:
978-3446249059
Preis:
22,99 €

Dieses Thema im Programm:

Neue Bücher | 02.09.2015 | 12:40 Uhr