Stand: 27.05.2017 16:00 Uhr

NDR Buch des Monats: "Alles, was folgte"

Alles, was folgte
von Renate Ahrens
Vorgestellt von Annkathrin Bornholdt

Familiengeschichten und Lebensbrüche interessieren die Schriftstellerin Renate Ahrens. Neben Theaterstücken, Kinderhörspielen und -geschichten schreibt sie seit den 80er-Jahren auch Romane, die oft von Familienschicksalen und Versuchen der Aussöhnung und Verarbeitung handeln. Gerade ist ihr neues Buch "Alles, was folgte" erschienen.

Kurz nach dem Mauerfall bekommt die Kriegsfotografin Katharina Elbracht Post aus Ostberlin. Der dicke Umschlag enthält ein Bündel Briefe, die ihr Leben verändern. Katharina erfährt, dass sie adoptiert wurde und die Frau, die sie für ihre Mutter hielt, ihre Tante ist.

"Ich schlage mit den Fäusten auf den Tisch. Vierundvierzig Jahre und sechs Monate lang habe ich mit der Vorstellung gelebt, dass Maria und Johannes Elbracht meine leiblichen Eltern sind, und das soll jetzt plötzlich eine Lüge sein?" Leseprobe

 

Renate Ahrens © NDR

Neuer Familienroman von Renate Ahrens

Kulturjournal -

Sie kündigte einst ihren Job als verbeamtete Lehrerin, um ihren Traum zu leben - in Irland und Hamburg. Gerade hat Renate Ahrens ihren neuen Roman "Alles, was folgte" veröffentlicht.

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Geheimnisse, die lange fortwirken

Aus den Briefen ihrer Adoptivmutter Maria an ihre leibliche Mutter Ingrid geht hervor, dass Katharina schon als kleines Baby zur Adoption freigegeben wurde. Sie war ein uneheliches Kind, der Vater im Krieg. Ihre Tante übernahm die Erziehung, die leibliche Mutter begann ein neues Leben in Berlin.

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Renate Ahrens' neuer Roman beschreibt eine Suche nach familiären Wurzeln - vor der Ära Internet und Handy.

Katharina dämmert langsam, warum in ihrer Kindheit am Familientisch über manche Themen nicht gesprochen werden durfte. "Gerade Kinder spüren das schon sehr früh. Gerade, wenn die Eltern oder Großeltern wegschauen, oder wenn plötzlich so ein merkwürdiges Schweigen entsteht oder das Thema gewechselt wird", so die Autorin. Solche Familiengeheimnisse interessieren die Hamburger Schriftstellerin Renate Ahrens.

Immer wieder hat sie sich mit dem Thema auseinandergesetzt, mit vielen Zeitzeugen gesprochen: "Diese Einschnitte in der deutschen Geschichte, das Ende des Krieges, der Mauerbau, der Mauerfall beschäftigen mich seit vielen Jahren. Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie diese Risse durch die Familien gehen und wie sie sich nicht nur bei den unmittelbar Beteiligten, sondern auch auf die nachfolgenden Generationen auswirken."

Recherche ohne Handy und Internet

Man merkt, dass die Autorin ihre Charaktere mit großem Einfühlungsvermögen und psychologischem Gespür entwickelt hat. Ihre Sprache ist dabei nicht pathetisch, sondern angenehm schnörkellos. Man kommt den Figuren nahe.

Die Protagonistin Katharina erfährt von ihren Halbgeschwistern, dass die leibliche Mutter bereits verstorben ist. Über den leiblichen Vater kann sie zunächst nicht viel mehr herausfinden als dessen Vornamen: Oskar. Mit den beschränkten Recherchemethoden von 1990 - ohne Internet und Handys - versucht Katharina nach und nach, ihre Familiengeschichte zu rekonstruieren und ihren Vater zu finden. Diese Suche führt auch dazu, dass ihre eigene Identität auf den Prüfstand kommt: Dass Katharina sich im Laufe der Geschichte auch selbst immer wieder fragt, wie es kommt, dass sie es zu ihrem Beruf gemacht hat, Gewalt und Brutalität zu fotografieren, also Bilder des Elends auszuhalten, war das so was wie eine unbewusste innere Verbindung zum Vater?

Am Ende kommt es noch ganz anders

Katharinas Suche liest sich wie ein Krimi, denn parallel lässt uns Renate Ahrens in das Leben von Oskar blicken, der mittlerweile in einer einsamen Region Irlands lebt. Er hat den Verlust seiner großen Liebe Ingrid nie verdaut, plagt sich mit Erinnerungen und Schuldgefühlen. Dass er ein Kind hat, weiß er nicht. Immer wieder begegnet ihm Ingrid im Traum:

"Sie blickt auf die Uhr. Jetzt geht sie los. Gleich wird sie ihn erkennen. Aber sie läuft an ihm vorbei. Erst im letzten Moment sieht er ihren gewölbten Bauch. Oskar wacht auf. Ihm ist heiß. Und gleichzeitig friert er. Hat er Fieber? (…) Zum ersten Mal seit Jahren hat er wieder geträumt, dass Ingrid schwanger ist." Leseprobe

Werden Vater und Tochter zueinander finden? Die Geschichte ist spannend erzählt. Man merkt, wie gut sich Renate Ahrens an den Schauplätzen dieses Buches auskennt, denn sie lebt selbst in Irland und Hamburg. Und so viel darf verraten werden: Am Ende kommt alles schockierend anders, als man es erwartet.

Alles, was folgte

von
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Droemer Verlag
Bestellnummer:
978-3-426-28166-6
Preis:
19,99 €

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