Stand: 06.03.2017 06:40 Uhr

NDR Buch des Monats: "Evangelio"

Evangelio
von Feridun Zaimoglu
Vorgestellt von Joachim Dicks
Bild vergrößern
"Evangelio"-Autor Feridun Zaimoglu wohnt seit 1985 in Kiel. Bekannt wurde er mit seinem ersten Buch "Kanak Sprak".

Der in Kiel lebende Schriftsteller Feridun Zaimoglu pflegt eine Besonderheit beim Schreiben: Gern verwandelt er sich in seine jeweiligen Protagonisten. Wenn "Isabel" im gleichnamigen Roman mit sehr wenig Essen auskommt, dann lebt er auch sehr asketisch; wenn sein kindlicher Protagonist namens Wolf ins "Siebentürmeviertel" nach Istanbul fliehen muss, taucht auch Zaimoglu für längere Zeit dort unter. Für seinen neuen Roman hat er sich eine ganz besondere Rolle ausgewählt, nämlich den Reformator Martin Luther. Das Buch heißt "Evangelio" und ist unser NDR Buch des Monats März.

Meister Martinus speit aus

Eine Warnung vorneweg: Zaimoglu macht es seinen Lesern nicht leicht. Für seine Romane erfindet er gern eigene Sprachen mit eigenen Klängen. Vom ersten Wort an stellt er klar, dass er sich mit Luthers Sprache regelrecht berauscht hat, bis er selbst so zu denken, zu sprechen und zu träumen anfing. Die Geschichte setzt ein im Jahr 1521. Luther ist als Junker Georg auf der Wartburg bei Eisenach festgesetzt - zum Schutz vor Papst und Kaiser.

Junker Georgen, Mönch ohne Kutte, gebannt auf die felsenfeste Warte, ist ein stößiger Stier. Er wütet in der ersten Hitze. Meister Martinus speit aus den bösen Geist, den prasselnden Stücken. Sein Maul fließt über, denn das Evangelium sticht ihn.

Bei Feridun Zaimoglu in Kiel

Am Beginn steht der Furor

Es braucht eine gewisse Zeit, bis man sich an diese Sprache gewöhnt hat. Aber dann fängt sie ein und lässt nicht mehr los. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des Landknechts Burkhard, der Luther im Auftrag des Kurfürsten von Sachsen bewachen soll. Burkhard selbst ist katholisch und anfänglich voller Zweifel gegenüber den neuen reformatorischen Ideen. Die ungezügelte aufbrausende Wut Luthers gegenüber den Papstanhängern, den Muslimen, Juden und Hexen rufen bei ihm manche Irritationen hervor.

"Das ist der Beginn des Buches", sagt Zaimoglu. "Es ist im Grunde genommen der Beginn des Furors eines gottesfürchtigen, eines bußfertigen, eines in Acht und Bann geschlagenen Mannes, der in schmetternden Worten Ausdruck verleihen will, so wie ich es getan habe in diesem Buch, dass es nur um zwei Dinge geht: entweder Gottes Wort oder Teufels Gespinst."

Glauben und Aberglauben

Quiz
Quiz

Feridun Zaimoglus Luther-Roman zu gewinnen!

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu hat einen Roman über den Reformator Martin Luther geschrieben. Lösen Sie das Quiz und gewinnen Sie das Buch "Evangelio"! Quiz

Herrlich, wie Feridun Zaimoglu mit diesem Luther-Roman das Reformationsjubeljahr der evangelischen Kirche ordentlich mit Salz und Pfeffer würzt. Ganz nebenbei versetzt er uns zurück in eine Zeit, in der im Glauben an einen Gott noch eine gehörige Portion Aberglauben beigemischt war.

"Was sah ein Martin Luther, wenn er in ein Gotteshaus ging und hochschaute?" fragt Zaimgolu. "Er sah Jesus als Weltenrichter. In seinem Mund die weiße Lilie. Und aber auch das Schwert. Die Lilie stand für das ewige Leben. Und das Schwert für die ewige Verdammnis. Die große Angst der Menschen damals, vornehmlich der gläubigen Christen, bestand darin, dass sie der ewigen Verdammnis anheimfallen würden."

Luther, der Sprachschöpfer

Veranstaltungen

Feridun Zaimoglu liest "Evangelio" in Kiel

16.04.2017 20:00 Uhr

Feridun Zaimoglu präsentiert in Kiel seinen neuen Roman "Evangelio". Er blickt darin zurück auf das Jahr 1521, in dem Luther auf der Wartburg die Bibel übersetzte. mehr

Zwischen die Erzählpassagen des Landknechts Burkhard streut Zaimoglu vereinzelt Briefe, die Luther schrieb, vorrangig an seinen Mitstreiter Melanchthon. Er hat ihn schließlich zur Übersetzung der Bibel ermuntert, die auf der Wartburg in nur zehn Wochen entstand. Das ist der eigentliche Inhalt von "Evangelio".

Zaimoglu seziert en detail das geistige Klima, aus dem die Bibelübersetzung hervorgegangen ist. Bei aller theologischen Erneuerung: Zaimoglu interessiert sich vor allem für Luther als Sprachschöpfer. Und das macht "Evangelio" so einzigartig.

Und wie ging beim Autor dieses Mal die Verwandlung in seinen Protagonisten vonstatten? Zaimoglu erinnert sich: "Plötzlich war im Grunde genommen die heutige Welt für mich erstorben, und ich konnte in diese von mir fantasierte Welt, nämlich in die Welt Luthers, eintreten. Und da war es um mich geschehen."

Weitere Informationen

Feridun Zaimoglus Luther

Feridun Zaimoglu hat einen Luther-Roman geschrieben: "Evangelio". NDR Kultur hat er bereits einen Einblick gewährt und von seiner eigenen Verbindung zu Luther erzählt. mehr

mit Audio

Feridun Zaimoglu begleitet Martin Luther

08.03.2017 13:00 Uhr
NDR Kultur

Als Ich-Erzähler begibt sich Feridun Zaimoglu in seinem neuen Roman an die Seite des Reformators. Warum der Muslim Zaimoglu von Luther fasziniert ist, erzählt er im Gespräch. mehr

"Luther" auf NDR Kultur

Das Reformationsjubiläum wird auch auf NDR Kultur übers Jahr auf vielfältige Art und Weise begangen. Ulrike Sárkány erzählt im Gespräch, welche Highlights die Hörer und Hörerinnen erwartet. mehr

Evangelio

von
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-05010-3
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

Neue Bücher | 06.03.2017 | 12:40 Uhr

04:29 min

"Superbuhei" von Sven Amtsberg

10.03.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:23 min

Gedichtband "118" von Steffen Popp

09.03.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur

Ausblick

Das Literaturjahr 2017 - das müssen Sie lesen!

Neue Romane von Martin Walser und Julian Barnes sowie die Fortsetzung der Ferrante-Saga: Das Literaturjahr 2017 wird spannend. Und: Drei US-Bestsellerautoren kommen in den Norden. mehr

Mehr Kultur

43:12 min

7 Tage... Istanbul

22.03.2017 23:50 Uhr
7 Tage
05:56 min
01:27 min

Filmfest Schleswig-Holstein startet in Kiel

22.03.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin