Stand: 01.01.2016 00:01 Uhr

NDR Buch des Monats: "Unbehauste"

Unbehauste
von Alexander Broicher (Hg.)
Vorgestellt von Jan Ehlert

"Flüchtlinge" war das Wort des Jahres 2015 - und um Flüchtlinge ging es auch in zahlreichen Büchern und Romanen im vergangenen Jahr, zum Beispiel in Jenny Erpenbecks Roman "Gehen, ging, gegangen" oder Feridun Zaimoglus Epos "Siebentürmeviertel". Es müssen aber nicht immer die großen Geschichten sein, manchmal sind es gerade kleine Gedanken und Texte, die zum Nachdenken anregen. Genau solche Texte hat Alexander Broicher für seinen Band "Unbehauste" gesammelt. 23 Autorinnen und Autoren erzählen darin von ihrer ganz persönlichen Sicht auf das Fremde - und das alles kostenlos. Alle Einnahmen aus dem Verkauf kommen der Flüchtlingshilfe zugute. "Unbehauste" - unser NDR Buch des Monats.

Der Fremde, der mein Vater war

Ein junger Mann kommt aus Syrien nach Deutschland, nach Kochel am See. Nein, das ist keine aktuelle Flüchtlingsgeschichte. Es ist eine Geschichte aus den 50er-Jahren - und der Syrer war der Vater des bayerischen Krimischriftstellers Friedrich Ani: "Er kam aus Damaskus rüber, um Medizin zu studieren. Seine Eltern wollten das so, und er sollte auch wieder zurückgehen. Allerdings blieb er. Im Dorf gab es immer sonntags Musik mit Tanz und Schwof - es waren die 50er-Jahre - da waren auch meine Mutter und mein Vater. Und irgendwie hat's dann gefunkt zwischen den beiden."

So können sie also auch ausgehen, Migrationsgeschichten in Deutschland. Sie können uns einen der erfolgreichsten deutschen Krimiautoren bescheren. Anis Geschichten um Kommissar Tabor Süden spielen im tiefsten Oberbayern. Das Thema "Flucht" und "Fremdsein" kommt aber auch in ihnen eigentlich immer vor: "Ich hab festgestellt, dass ich immer, wenn ich mit einer Geschichte begonnen habe, über jemanden geschrieben habe, der weggehen wollte."

In "Unbehauste" erzählt Ani nun auch direkt über seinen Vater. "Der Syrer" heißt das Gedicht, das ihm gewidmet ist:

All das ist Geschichte und wahr und verboten.
Das sind nur Gedichte, behaupten die Toten.
Du aber weißt, dass wer sich erinnert, die Wahrheit der Lügner enttarnt,
und ein Lügner ist einer, der die Welt mit Schweigen umgarnt." Leseprobe

Persönliche Geschichten über Flüchtlinge

Es ist der persönlichste Text in dieser Sammlung von insgesamt 23 Erzählungen, Essays und Gedichten - denn wie Ani wollten auch viele andere Autoren nicht zu denen gehören, die schweigen, die stumm zusehen, wie Pegida, die AfD oder auch einige Medien den Diskurs über Flüchtlinge in Deutschland bestimmen. Unter ihnen David Wagner, Kat Kaufmann, Norbert Kron und Moritz Rinke: "Ich glaube, dass wir viele Nachrichten so behandeln, dass uns unsere Erregung fast wichtiger ist als die Substanz der Nachricht. Und die Grellheit, mit der wir heute Nachrichten konsumieren - diese hohe grelle Erleuchtung verdrängt natürlich auch das, was an den Rändern passiert ist."

Aus diesem Grund schreibt Moritz Rinke bereits seit 2007 seine "Erinnerungen an die Gegenwart". Für den Band "Unbehauste" hat er eine Erfahrung aus seinem letzten Spanien-Urlaub beigesteuert. "Wenn man nicht schwimmen kann, steigt man nicht in ein schlechtes Boot", hörte er eine Frau am Nebentisch über ertrunkene Flüchtlinge urteilen - für Rinke wurde diese zum Gesicht der deutschen Pegida.

Sich überraschen lassen und neugierig bleiben

Es sind aber nicht nur Geschichten über Flüchtlinge. Ganz bewusst hat Herausgeber Alexander Broicher ein anderes Wort für sein Buch gewählt: "Unbehauste". Denn es geht ihm um das Gefühl des Fremdseins - in allen seinen Formen. Die Texte führen daher auf einen Schrottplatz in den Irak und auf ein afrikanisches Piratenschiff, aber auch in eine Kirche in List auf Sylt, nach Hamburg-Wilhelmsburg in den 40er-Jahren und sogar in den Körper eines Pinguins.

Ich öffnete meine Augen. Und sah Eis. So weit das Auge reichte. Und circa zweihunderttausend Baby-Pinguine. Ich war in der verfluchten Antarktis!!!!!! Ich stand auf einer riesigen Eisscholle, die weiter reichte als mein Baby-Pinguin-Auge blicken konnte. Leseprobe

Doch selbst als Pinguin sollte man nicht schweigend zusehen, was um einen herum passiert - das erzählt der Bremer Autor David Safier - wie immer mit viel Humor - in diesem "verschollenen Kapitel" aus seinem Bestseller "Mieses Karma": "Ich fang nicht an mit einer Lehre am Ende, also nicht so: Was will uns der Dichter sagen? Sondern es beginnt mit einer Grundidee und dann fange ich an, den Figuren zu folgen und bin selbst immer überrascht, was die Figuren für sich selbst entdecken und empfinden."

Wie schön, dass es noch Fremde gibt

Dieses Gefühl des Überraschtwerdens ist auch das Besondere an diesem Sammelband. Es sind ungewöhnliche, unkonventionelle Texte und Geschichten, die zum Nachdenken anregen. Die aber vor allem Neugier auf das Fremde wecken, auf die Auseinandersetzung mit ihm. Denn das Fremde muss keine Bedrohung sein - sehr oft ist es eine Bereicherung. Wir wissen es bloß noch nicht. Oder, wie es der dänische Autor Michel Birbæk schreibt: "Vor 50 Jahren war mir mein Jugendfreund noch fremd. Vor 40 Jahren war mir meine erste große Liebe noch fremd. Heute ist mir die Frau, die ich heiraten werde, noch fremd. Wie schön, dass es noch Fremde gibt."

Unbehauste

von
Seitenzahl:
204 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Nicolai
Bestellnummer:
978-3-89479-712-6
Preis:
9,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 02.01.2016 | 07:20 Uhr