Stand: 21.11.2017 13:45 Uhr

Von der Sehnsucht zu schreiben

von Andrea Ring

Ein großer Dichter der eine, ein großer Historiker der andere. Beide sind sie vor 200 Jahren in Nordfriesland zur Welt gekommen. Zu ihrer Studienzeit waren Theodor Storm und Theodor Mommsen auch eng befreundet. Im Landeshaus Kiel lasen die Schauspieler Roman Knižka, Tanja Wedhorn und Oliver Mommsen zum Jubiläum aus Briefen und Texten der beiden Schleswig-Holsteiner. Schriftstellerin Andrea Paluch und der Historiker Simon Strauß sprachen im Anschluss im voll besetzen Plenarsaal über ihr Bild von Storm und Mommsen.

"Ich sah den Wald in meinem Leben nicht so schön, noch voll belaubt und durch alle Farbentöne spielend. Da hörte ichs deutlich brausen aus der Ferne - die Nordsee war's." Theodor Storm

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Die Schauspieler Oliver Mommsen, Tanja Wedhorn und Roman Knižka (v.l.n.r.) lasen Texte von Storm und Mommsen.

Zurück in Husum berichtet Theodor Storm in einem Brief an Theodor Mommsen von seiner Reise. Vor dem persönlichen Abschied hat Storm sich gedrückt. "Ich hatte die Courage nicht", zitiert ihn der Präsident der Storm-Gesellschaft Philip Theisohn: "Ich war so empörend weichgestimmt. Ich würde geflennt haben, wie ein Kind."

Studenten-WG der Freunde in Kiel

Drei Jahre hatten die Studenten eine WG in Kiel: Storm, Mommsen und dessen Bruder Tycho. Jurastudent Mommsen findet poetische Worte für die Trennung. Tanja Wedhorn liest sein Gedicht:

Ich blieb an dieser Stätte,
der andere aber geht.
Nun sitz ich so beim Weine
und zeche eben fort,
ob er mir nicht erscheine
an seinem alten Ort. Theodor Mommsen

Storm, der über die Kieler zuerst wild gelästert hatte, wie NDR Kultur Moderator Jan Ehlert berichtet, schreibt später an seine Frau: "Wie reich war ich doch in Kiel. Kiel ist schön, sehr schön die schönste Stadt in Holstein, wo es doch viele nette Kerls gebe." (Briefzitat)

Die Clique mit Theodor und Tycho Mommsen ist gemeint: "Ein Kreis, den Theodor Storm als eine kleine übermütige und zersetzungslustige Gesellschaft beschrieb, die geneigt war, möglichst wenig gelten zu lassen", erklärt Ehlert.

Wertvolle Briefe in der Einsamkeit

Husum kommt dem jungen Rechtsanwalt danach öde vor, schreibt er an Mommsen: "Wie vermisse ich da das leichtsinnige Kieler Straßengewimmel. Schreiben Sie mir doch, so oft Sie Lust haben, Sie wissen gar nicht, was einem in Husum die Briefe wert sind."

Die Briefe, angenehm unaufgeregt gelesen von Roman Knižka und Ururenkel Oliver Mommsen drehen sich vor allem um ihre Buchprojekte. Die schleswig-holsteinischen Sagen und das "Liederbuch dreier Freunde", dass den Besuchern des NDR Kultur Podiums in einer druckfrischen Neuauflage vorliegt. Mommsen an Storm: "Sie wissen, ich bin zum Redakteur geboren. Senden Sie mir nur Unvollendetes, Fragmente, was sie haben." (Briefzitat)

Amtsmissbrauch kontert Storm die redaktionellen Eingriffe leicht empört. Was Theodor Mommsen wiederum von sich weist: "Ihr unwirscher Brief, mein Freund, war mir verdrießlich, ich wills nicht leugnen." (Briefzitat)

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Ein Charakterzug, so Mommsen-Fachmann Simon Strauß von der F.A.Z., der den bedeutenden Historiker auch später auszeichnet. Er war als Forscher und auch als liberaler Politiker enorm arrogant und eitel, sagt Strauß. Gleichzeitig habe ihn jedoch eins mit Theodor Storm verbunden, nämlich "diese romantische Sehnsucht danach, Dichter zu sein. Das erlaubt er sich als er jung ist und dann geht er voll auf die Forschung. Aber dieser Sehnsucht danach, literarisch zu schreiben, hat ihn nie verlassen."

Für sein großes Werk die "Römische Geschichte" hat er immerhin den Literaturnobelpreis bekommen. Storm wurde Klassiker und Schullektüre. Erst auf der Suche nach einem literarischen Stoff hat Schriftstellerin Andrea Paluch ihn für sich entstaubt. Sie habe sehr wiederwillig den "Schimmelreiter" noch mal gelesen - und war sofort verliebt.

Geister und Visionen bei Storm

Anders als sein Jugendfreund ist Theodor Storm den Sagenstoffen treugeblieben: "Jedenfalls war er verliebt in diese Sagen und er hat immer versucht, diese in seine Texte einzuarbeiten in Form von Geistern oder Visionen", erzählt Andrea Paluch.

Zur Nachtzeit aber sah man an der Stelle, wo der König versenkt war, blaue Flammen auf dem Wasser tanzen - und des Tages lagerten sich dort dichte Möwenschwärme und riefen unaufhörlich: Erich! Erich! Theodor Storm

 

NDR Kultur hat die Veranstaltung aufgezeichnet. In voller Länger können Sie sie am 26. November 2017, 20 Uhr in der Sendung "Sonntagsstudio" hören.

 

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