Stand: 10.07.2017 18:26 Uhr

"Härtling war ein Dichter für alle"

Peter Härtling, der unzähligen Kindern und unzähligen Erwachsenen bewegende Lesestunden geschenkt hat, ist tot. Er starb heute nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 83 Jahren. Fragen an Alexander Solloch aus der NDR Kultur Literaturredaktion.

NDR Kultur: Herr Solloch, was war aus Ihrer Sicht das Besondere an Peter Härtling?

Alexander Solloch: Er war wirklich das, was womöglich viele Schriftsteller zu sein wünschen: Er war ein Dichter für alle. Keiner konnte je sagen: "Er ist ein Kinderbuchautor", ohne einen großen Teil der Wahrheit zu verschweigen. Und wer etwa sagte: "Er ist Autor gewichtiger romanhafter Künstlerbiographien", hat eben auch nur ganz wenig über ihn verraten. Er war ein Dichter für alle, der alle Leser ernst nahm und darum auch von den Lesern ernst genommen wurde.

tagesschau.de
Link

Peter Härtling ist tot

Er gehörte zu den bekanntesten deutschsprachigen Schriftstellern der Gegenwart. Nun ist Peter Härtling im Alter von 83 Jahren in Rüsselsheim gestorben. Mehr bei tagesschau.de. extern

Antrieb war ihm dabei vielleicht die Wut, die er selbst als Heranwachsender verspürt hat, die Wut über die Älteren, von denen er, von denen im Grunde eine ganze Generation sich nicht ernst genommen gefühlt hat. Er sprach von sich selbst immer wieder als einem "elternlosen Kriegskind": 1933 wurde er in Chemnitz geboren, 1945 starb sein Vater in russischer Kriegsgefangenschaft, ein Jahr später nahm sich seine Mutter nach langer Fluchtgeschichte das Leben.

Was Peter Härtling immer wieder aufregte, war das, was er "die falsche Geschichte" nannte, also das Beiseitewischen eigener Verantwortung, das Verdrängen und Verleugnen der Verantwortung für die deutschen Verbrechen, für den Krieg. Er selbst nahm sich vor, immer ein aufrichtiger Autor zu sein, ein Erzähler, kein Deuter, kein Interpret. Die Deutungsarbeit, meinte er, ist dem Leser überlassen, und der Leser ist frei.

Peter Härtling hinterlässt uns also ein sehr vielfältiges Werk, das nicht so leicht auf irgendeinen Nenner zu bringen wäre. Lässt sich denn trotzdem herauskristallisieren, worauf es ihm beim Schreiben vor allem ankam, was er erzählen wollte?

Solloch: Peter Härtling hat sich selbst immer als einen Suchenden beschrieben. "Ich suche Gesellschaft, ich suche Brüder und Schwestern, die ähnlich denken wie ich“, sagte er. "Mich interessieren die Musiker, aber auch die Dichter der Romantik als Epochenspringer, als Personen, die versucht haben, über ihre Zeit hinaus eine Sprache zu finden – wahrhafte Anfänger. Ich habe eine Schwäche für Anfänger und Grenzverletzer, die oft allein gelassen werden." Aus dieser Vorliebe sind viele Bücher hervorgegangen, z.B. "Schumanns Schatten" oder - noch 2015 - "Verdi. Ein Roman in neun Phantasien", auch Romanbiographien über Hölderlin und Schubert.

Aber wenn Peter Härtling sagte, er habe eine Schwäche für Anfänge, dann ist das natürlich auch ein deutlicher Hinweis auf sein reiches Kinderbuchwerk. Denn das sind Kinder ja per Definition: pure Anfänger! Jeder Anfang - der erste Schritt, das erste Mal im Wasser, die erste Verliebtheit, das erste Mal am emotionalen Abgrund - ist ja so etwas Gewaltiges, Epochemachendes, auch Einmaliges, dass davon erzählt werden muss! Härtling hat das getan in Büchern wie "Das war der Hirbel", "Theo haut ab", "Ben liebt Anna", "Paul, das Hauskind" - viele andere wären zu nennen. Das sind Bücher über Kinder mit Ängsten, Kinder, die es schaffen, ihre Ängste hineinzuholen in die Welt, von ihnen nicht zerdrückt zu werden. Er selbst hat von sich gesagt, in ihm stecke auch ein Kind, "ein Kind mit Ängsten, das aber immer bereit ist, neu aufzubrechen und mit Ängsten auch zu spielen".

Was meinen Sie, was wird von Peter Härtling bleiben ?

Zunächst einmal werden sich die, die das Glück hatten, Peter Härtling kennenzulernen, sich immer erinnern an einen außerordentlich liebenswürdigen Menschen, fröhlich, überbordend herzlich, ohne die geringste Bedeutungshuberei; das ist das Persönliche. Dann aber, finde ich, sehen wir in ihm doch auch einen Menschen, der immer das gemacht hat, was er auch machen wollte. Er hat zunächst journalistisch gearbeitet, vielleicht auch, um sich selbst in die Kunst des Schreibens einzuführen, hat als Lektor und Verlagsmensch gearbeitet, solange ihn das befriedigte, und er hat immer genau das geschrieben, was ihn gerade interessiert hat. "Nach all den Anfängen und den Ängsten um die Existenz und die Kinder stellt sich doch keine Ruhe ein, auch im Alter nicht. Es bleibt die Unruhe, dass es enden könnte", sagte er vor nicht allzu langer Zeit. Jetzt ist das Ende da. Aber man kann doch immerhin sagen, dass sein Leben - mindestens von außen betrachtet - das war, was man ein "gutes Leben", ein "gelingendes Leben" nennt; falls das ein Trost sein sollte.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 10.07.2017 | 14:20 Uhr

Mehr Kultur

03:03

Spezialeffekte: Ein Feuerteufel bei der Arbeit

19.10.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin
03:52

Filmfest Osnabrück: Kino abseits des Mainstreams

19.10.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
02:35

Thomas Quasthoff wärmt seine Jazz-Liebe auf

19.10.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal