Stand: 29.04.2017 17:40 Uhr

Narben auf unserem Planeten

Burtynsky - Essenz
von William A. Ewing
Vorgestellt von Stefanie Groth

Welche Spuren hinterlassen wir in dieser Welt? Eine Frage, die sich vermutlich jeder ab und an stellt - damit aber eher auf sich selbst und seinen persönlichen Nachlass zielen dürfte. Doch welche Spuren hinterlassen wir als Kollektiv, wir als Menschheit?

Der kanadische Fotograf Edward Burtynsky stellt diese Frage ins Zentrum seines Schaffens. Seit Jahrzehnten liefert er beeindruckende wie gespenstische Bildbeweise für unsere Existenz auf der Erde - und die Folgen. Der Bildband "Burtynsky - Essenz" bringt seine Monografien zur Industrienation China, zu Berg- und Tagebau, zur Erdölindustrie oder auch zu Wasser als bedrohte Ressource erstmals zusammen. Ein Resümee der verschiedenen Schaffensphasen seiner Karriere.

Ausbeutung und Verschwendung

Trostlose Endzeitstimmung

Wie ein vergessenes Raumschiff thront ein Klotz aus rostigem Stahl inmitten der öden Flachlandschaft, irgendwo in Bangladesch. Weit und breit nur Geröll, Sand. Endzeitstimmung. Kein Leben, nirgends. Oder doch? Fast unentdeckt sitzt ein kleiner schwarzer Vogel auf dem Schiffsrumpf, der mal zu einem überdimensionalen Öltanker gehörte - und hier, in dieser verlassenen Landschaft auf primitivste Weise von Hand demontiert und recycelt wird.

Als riesengroße Narbe zieht sich ein abgeholzter Streifen durch die Gila Forests, einem Nationalpark in New Mexico. Links und rechts davon Bäume, gezeichnet in den schönsten Farben des Herbsts. Doch dazwischen klafft eine Wunde: Ein Landstrich, seiner Fauna und Flora gänzlich beraubt. Ein Wald ohne Bäume.

Großaufnahmen zerstörter Lebensräume

Fast schämt man sich, fühlt sich mindestens ertappt beim Betrachten der Bilder. Ertappt, dass das eigene Auge sich an der Ästhetik der spektakulären Fotografien Burtynskys erfreut. Wo es doch auf einen menschgemachten Abgrund blickt. Großformataufnahmen, in denen der kanadische Fotograf den menschlichen Eingriff auf städtische und natürliche Lebensräume weltweit zeigt - und damit das Bild eines geschundenen Planeten einerseits und zugleich das Bild menschlicher Errungenschaften andererseits. Das Dilemma einer globalisierten Gesellschaft.

"Ich sehe mich nicht als Reporter oder dokumentarischer Fotograf im klassischen Sinne des Wortes", sagt Burtynsky, "sondern vielmehr als jemanden, der Eindrücke erforscht (…) Egal ob man hinter Unternehmen steht oder Umweltschutz propagiert, die Arbeiten bieten sich hierfür als Ausgangsbasis an. Niemand wird hier angeklagt. Vielmehr ist es eine humanistische Angelegenheit, dass wir als Menschen so agieren. Ich gebe hier niemandem Recht oder Unrecht. Ich sage nur: Wir tun dies. Und hier ist der Beweis."

Menschgemachte Abgründe

Dabei ergeben sich durch die Zusammenstellung der Fotografien im Bildband neue Perspektiven: Auf der einen Seite schlängelt sich zickzackförmig das California Aqueduct im tiefsten Blauton, durch geometrisch präzise Feldanlagen in Ocker und Grün. Auf der Seite gegenüber auch geometrische Formen, allerdings in die Höhe gewachsen. Die Skyline von Toronto erstreckt sich vor einem wolkenlosen Abendhimmel, der gerade von zart blau in zart rosa übergeht.

Der Lesestoff vom  "Gemischten Doppel" vom 6. März 2012 bei NDR Kultur © NDR Fotograf: Patricia Batlle

William A. Ewing: "Burtynsky - Essenz"

NDR Kultur -

Die Landschaftsfotos des Kanadiers Edward Burtynsky zeigen den dramatischen Raubbau unserer natürlichen Ressourcen.

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Die beiden Bilder könnten unterschiedlicher nicht sein. Aber gerade in diesem Kontrast wird die gemeinsame Handschrift aller Fotografien deutlich: Fast nirgendwo sieht man Menschen. Und doch ist es der Mensch, der einem in jedem Foto ins Gesicht springt. Denn diese Szenerien wurden durch Menschenhand geformt, beschnitten, erbaut, geschaffen. Man kommt nicht umhin, sich staunend zu fragen: wie sah es hier wohl aus, bevor der Bau einer Eisenbahnlinie den halben Berg wegsprengte? Bevor sich ein Netz aus vierspurigen Highways über diese Landschaft zog? Standen dort Bäume? Welche Tiere hatten dort ihr Zuhause?

"Ganz zu Beginn meiner Arbeit war ich über das Ausmaß des Abbaus unserer natürlichen Ressourcen schockiert. Ich denke, das könnte heute die wichtigste Frage überhaupt sein: Wie weit können wir als kapitalistische, konsumorientierte Kultur gehen, ehe wir von den negativen Folgen unseres Handelns eingeholt werden", sagte Burtynsky 2001. Die Aussage seiner Bilder ist weit weniger versöhnlich. Sie zeigen: Der Mensch hat etwas losgetreten, das er nicht zurückdrehen, nicht kontrollieren kann.

Burtynsky - Essenz

von
Seitenzahl:
200 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Prestel
Bestellnummer:
978-3-7913-8298-2
Preis:
59,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 30.04.2017 | 17:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/buch/William-A-Ewing-Burtynsky-Essenz,burtynsky100.html

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