Stand: 15.01.2016 16:30 Uhr

Jane-Austen-Roman in zeitgemäßem Gewand

Northanger Abbey
von Val McDermid, aus dem Englischen von Doris Styron
Vorgestellt von Katja Weise
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Val McDermid ist eigentlich als Krimi-Autorin bekannt. Dass sie jetzt ein Roman-Remake geschrieben hat, ist eher ungewöhnlich.

Die Romane von Jane Austen haben Millionen Mädchen und Frauen im Laufe der Jahrhunderte begeistert und ihnen Tränen in die Augen getrieben. Insofern ist es kein Wunder, dass immer wieder Versuche unternommen wurden, "Stolz und Vorurteil" oder "Verstand und Gefühl" neu und 'zeitgemäß' zu erzählen. Der amerikanische Verlag Harper Collins hat jetzt sogar ein Großprojekt gestartet, bei dem die bekanntesten Austen-Romane von renommierten, zeitgenössischen Autoren neu geschrieben werden. Zuerst auf Deutsch erschienen ist "Northanger Abbey" von Val McDermid.

McDermid erzählt den Austen-Roman auf eigene Weise

Offen gestanden: Die 'blutrünstige' schottische Krimiautorin Val McDermid ist nicht gerade die erste, die einem einfällt, wenn es um ein Austen-Remake geht, um das Beschreiben empfindsamer Mädchen oder junger Frauen, die sich nach Mr. Darcy oder - wie in "Northanger Abbey" Henry Tilney - verzehren:

Seine Stirn war breit und die Wangenknochen schön definiert; die markante Nase verhinderte, dass er für einen Mann zu hübsch war. Seine Haut war hell und rein, nicht durch Sommersprossen verunstaltet. Er hatte nicht das sorgfältig gepflegte Aussehen eines Boygroup-Mitglieds, aber sein Gesicht war attraktiv und einprägsam. Geradezu wie das eines Helden, erlaubte sich Cat zu denken. Leseprobe

Doch McDermid macht ihre Sache ziemlich gut, hat einen ganz eigenen, süffigen, vorsichtig-ironischen Ton gefunden. Das sei auch eine der größten Herausforderungen für sie gewesen, bestätigt die Krimiautorin, die selbst eine begeisterte Austen-Leserin ist: "Es war extrem schwierig, in Jane Austens Fußstapfen zu treten, und mir war von Anfang an klar, dass ich unbedingt vermeiden sollte, ihren Stil zu imitieren. Das wäre nur eine schlechte Parodie geworden und das wollte ich nicht. Deshalb musste ich mir vor allem Gedanken über den Rhythmus meiner Sätze machen. Ich wollte einen anderen finden, als den, in dem ich normalerweise schreibe, einen, der dem Werk und der Bedeutung von Jane Austen gerecht wird, und das war sicher das Schwierigste für mich: diese Stimme in meinen Kopf zu bekommen."

Vorsichtige Modernisierungen der Vorlage

Das ist ihr gelungen. Ansonsten folgt sie dem Handlungsrahmen von Jane Austen ziemlich genau. Die 17-jährige Catherine Morland, hier Cat, die ziemlich unbedarfte, lesesüchtige Tochter einer Pfarrersfamilie aus Dorset mit einem Faible für Gruselgeschichten, besucht mit einem befreundeten Ehepaar das Edinburgh Festival und lernt dort den gut aussehenden Henry Tilney kennen. Er wird sie später, zusammen mit seiner Schwester, auf den geheimnisvollen Familiensitz Northanger Abbey einladen.

McDermid modernisiert vorsichtig: So schätzt Cat vor allem Vampirgeschichten wie beispielsweise die "Biss"-Trilogie von Stephenie Meyer und hat natürlich auch Harry Potter gelesen. Der Kurort Bath, zu Jane Austens Zeit noch Treffpunkt der High Society, wird hier durch Edinburgh zur Festivalzeit abgelöst.

Die Geschichte passt nicht in die heutige Zeit

Der Lesestoff vom  "Gemischten Doppel" vom 6. März 2012 bei NDR Kultur © NDR Fotograf: Patricia Batlle

Podcast NDR Kultur Neue Bücher 18.01.2016

NDR Kultur -

Auch wenn es Val McDermid recht gut gelingt, Jane Austens Roman "Northanger Abbey" in die heutige Zeit zu übertragen, lässt sich ein Mehrwert nicht erkennen.

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Das funktioniert recht gut, vor allem am Anfang des Romans, doch spätestens, wenn Catherine, Cat, zusammen mit Henry und seiner Schwester Eleanor in Northanger Abbey eintrifft, stellt sich die Frage: Wozu das Ganze? Val McDermid mag noch so viel zeitgenössisches Beiwerk einflechten, Facebook, Twitter, Fernsehserien wie "Sex and the City", nach denen die Mädchen süchtig sind: Die Geschichte, zumal so dicht am Original erzählt, will nicht recht in die heutige Zeit passen. Der Versuch, den Figuren einen modernen Anstrich zu verpassen, gelingt nicht wirklich: Welche 17-Jährige, und sei sie noch so überspannt, würde die Gastfamilie ernsthaft für eine Vampirfamilie halten?

Auch wenn die Heldin am Ende geläutert wird und, wie im Original übrigens auch, begreift, dass sie beginnen muss, "die Welt so zu sehen, wie sie war, nicht, wie sie in ihren Träumen erschien", bleibt festzustellen: Wer Jane Austen mag, sollte weiter Jane Austen lesen, sich von ihrer Sprache betören und sich von ihr in ihre aus heutiger Sicht teilweise ebenfalls recht fremde Welt entführen lassen. Der Mehrwert dieser neuen Nacherzählung von "Northanger Abbey" ist nicht zu erkennen.

Northanger Abbey

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
HarperCollins Germany
Bestellnummer:
978-3-95967-018-0
Preis:
19,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 18.01.2016 | 12:40 Uhr

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