Stand: 25.09.2015 12:40 Uhr

Berlusconi-Krimi von Umberto Eco

Nullnummer
von Umberto Eco, Übersetzung von Burkhart Kroeber
Vorgestellt von Patric Seibel

Umberto Eco, einer der weltweit bekanntesten Schriftsteller und Intellektuellen Italiens, überrascht uns jetzt mit einem Berlusconi-Krimi. Seit seinem Sensationserfolg mit "Der Name der Rose" hat er zahlreiche weitere Romane veröffentlicht, mit überwiegend historischen Stoffen. Sein neuestes Buch erscheint nun auf Deutsch. Es trägt den Titel "Nullnummer".

Eine neu gegründete Zeitung soll nur Nullnummern produzieren, also Probeausgaben, mit denen der Auftraggeber, der sogenannte Commendatore, Druck auf hochgestellte Personen in besseren Kreisen ausüben möchte. Der Commendatore ist ein neureicher Medienunternehmer, dessen zwielichtige Figur sofort gewisse Assoziationen an Silvio Berlusconi weckt.

Medienunternehmer spielt ein doppeltes Spiel

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Umberto Eco zeichnet ein ernüchterndes Bild der italienischen Gesellschaft von heute.

Der Chefredakteur des Zeitungsprojekts betreibt selbst ein doppeltes Spiel. Er bietet seinem Mitarbeiter Colonna, dem Ich-Erzähler, viel Geld, damit dieser für ihn als Ghostwriter ein Buch über das Zeitungsprojekt schreibt.

Es wird wie eine Bombe einschlagen und mir ein Vermögen bringen. Oder aber jemand will nicht, dass ich es veröffentliche, und zahlt mir ein hübsches Sümmchen, steuerfrei. Leseprobe

Nach wenigen Seiten hat Eco bereits die inhaltlichen und formalen Pflöcke eingeschlagen: Wir sind mitten drin in der Beziehung verschiedener Text-Ebenen. Oder vielmehr: Leerstellen von Texten, denn Ecos Roman handelt von einem Buch, das nicht erscheinen soll, von einer Zeitung, die nicht gedruckt werden soll. Doch unter diesem luftigen Spiel mit Nicht-Texten steht der eigentliche Text, und der hat es in sich.

Meisterhaft verschränkte Erzählebenen

Braggadocio, der Kollege des Erzählers Colonna, ist ein Verschwörungsbesessener. Er fantasiert und steigert sich immer mehr hinein in die fixe Idee, Mussolini sei 1945 nicht liquidiert worden, sondern untergetaucht.

Seine Hypothese stützt Braggadocio auf Indizien und Phantasie. Aber er holt weiter aus. Eco spannt den Bogen weiter über die brisante Nachkriegsgeschichte der Geheimorganisation Gladio. Die von CIA und Nato gesteuerte und mit Alt- und Neofaschisten besetzte paramilitärische Einheit steht im Verdacht, in den 60er- und 70er-Jahren Terroranschläge mit mehr als 100 Toten verübt zu haben. Meisterhaft verschränkt Eco die Erzählebenen. Plötzlich scheinen die Phantome aus den wilden Hypothesen Gestalt anzunehmen. 

Ernüchterndes Fazit

Eco, der sich auch im Focaultschen Pendel und in seinem vorletzten Roman "Der Friedhof in Prag" intensiv mit Verschwörungstheorien auseinandergesetzt hat, spielt hier selbst ein Spiel mit doppeltem Boden. Er verknüpft eine scheinbare Verschwörungstheorie mit Indizien, Fakten und einer Realität, die so unerhört ist, dass die meisten Italiener auch nach umfassenden Enthüllungen während der 90er-Jahre nicht wirklich wahrhaben wollten, was in ihrem Land geschehen war.

Gleichzeitig treibt er mit gewohnter Ironie und zahlreichen Anspielungen und Referenzen sein brillantes intellektuelles Spiel, bei dem die Medien als Manipulationsmaschinen erscheinen, bedient von gewissenlosen Zynikern. Am Ende des nur 240 Seiten starken Buchs steht ein ernüchterndes Fazit über sein Land, das wohl als Klartext gelesen werden darf:

Korruption ist autorisiert, die Mafia offiziell im Parlament, der Steuerhinterzieher an der Regierung, und im Gefängnis sitzen nur die albanischen Hühnerdiebe. Leseprobe

 

Nullnummer

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Carl Hanser Verlag
Bestellnummer:
978-3-446-24939-4
Preis:
21,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 25.09.2015 | 12:40 Uhr

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